XXXII
haucht wurde. Diese Volksseele ist ebenfalls wie der Volksleibgewachsen, hat sich ausgebildet, in Gesetze ausgeprägt und sich,wenn auch der Zeit und ihrem Wechsel nicht unterworfen, dochder Zeitlage angepaszt. Die Umwandlung vollzog sich unter hartenKämpfen. Innere und äußere Hindernisse mußten überwunden,Verirrungen wieder gut gemacht, Rückfälle geheilt werden, bis derVolksleib ein gefügiges Organ für die Volksseele wurde. DasVerborgene mußte offenbar, das Dunkele erhellt, die unbestimmteAhnung zur Klarheit des Bewußtseins gebracht werden, damit dasvon den Propheten in der Zeiten Ferne geschaute Israel, (das sienachdrücklich von dem mit Mängeln behafteten Israel in der Wirk-lichkeit unterschieden haben) „zum Lichte für die Völker" werdenkönnte. Gewiß, es giebt kein zweites Volk auf dem Erdenrundeoder in der Zeiten Fluß, das gleich dem israelitischen eine bestimmteLehre mit sich herumgetragen hätte. Dieses Volk war aber nichtblos im Besitze derselben, sondern hatte auch das volle Bewußtsein,daß es nur um dieser Lehre willen bestehe, daß es selbst blos Mittelund Organ für dieselbe sei, daß es nur durch den Berns, sie alsHeilswahrheit zu verkünden, Bedeutung habe, daß es diese Heilswahr-heit nicht mit Gewalt und Zwang, sondern durch das Beispiel unddie eigene Betätigung und Verwirklichung der von ihr aufgestelltenIdeale verkünden soll. An den Griechen hat erst die tiefere Ge-fchichtserkenntniß ergründet, daß sie die Aufgabe hatten, das idealeLeben der Kunst und des Wissens zur Anschauung zu bringen; sieselbst hatten nicht das Bewußtsein davon. Das griechische Volklebte daher nur für die Gegenwart, nicht für die Zukunft, undlebte nur für sich, nicht für Andere. Nicht so das israelitischeVolk. Ihm ist nicht nur seine Aufgabe anfgegangen, sondern auchdie Erkenntniß klar geworden, daß sie seine Aufgabe sei, daß esnur durch sie etwas bedeute, ohne sie aber nichts sei „ein Tropfen in:Eimer, ein Stäubchen an der Wage." Seine Gottesmänner haben esnur deswegen als das auserwählte Volk bezeichnet. Sie haben damitkeineswegs in ihm Dünkel erwecken und nähren wollen. Haben sie esdenn als ein besseres, vorzüglicheres, edleres Volk betrachtet? Nein.Dieselben Gottesmänner haben es wiederholentlich ob seiner Unge-fügigkeit, Halsstarrigkeit und Schlechtigkeit nur allzuherb getadelt si.
') Weil Uneingeweihte so oft dem israelitischen Volke Hochmuth ob seinerAuscrwähltheit vorwerfen, so feien hier einige Stellen zusammcngetragcn, in