Druckschrift 
1 (1873) Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) : nebst synchronistischen Zeittafeln
Entstehung
Seite
XXXI
Einzelbild herunterladen
 

XXXI

welche mit dem werktägigen Thun und Treiben des Gesammtvolkesnichts zu thun hatten, bildeten die Cherubim, das geistige Heilig-thum vom Sinai zu beschützen. Dieses Heiligthum hat nur

scheinbar die religiöse Form, ist nur scheinbar theokratisch, seinGrundwesen aber ist das Sittengesetz. Gott ist Ursprung derLehre, aber nicht Zweck derselben. Dies ist vielmehr der einzelneMensch und das Gemeinwesen mit ihren berechtigten Ansprüchen.Gott ist in dieser Lehre der heilige Wille, welcher das Sittlicheund Gute bestimmt, das heilige Vorbild, welches den Weg dazuzeigt, aber nicht der Zweck, um derentwillen es geschehen soll, damitihm dadurch Etwas zu Gute käme. Die israelitische Lehre istdaher keineswegs eine Glaubenslehre, sondern eine Pflichtenlehrefür die sittliche That und die sittliche Gesinnung; sie ist auch eineHeilslehre, aber ohne mystischen Beigeschmack. Man hat sie dieReligion des Geistes" genannt; sie ist es in so fern, als siedas Göttliche rein geistig darstellt, von ihm jede sittliche Beschränkungfernhält und ihm nur Kraftthätigkeit und einen heiligen Willenbeilegt.

Allerdings war diese Religion oder diese Heilslehre zu hoch,um vom ganzen Volke in seiner Kindheit begriffen werden zu können.Das Ideal, welches ihm Bedeutung und Lebensdauer gewährensollte, blieb ihm selbst lange ein Räthsel. Erst seine Propheten

haben ihm das Räthsel lösen müssen. Es verstrich eine geraumeZeit, auch nachdem die Propheten mit Feuerzangen gesprochen hatten,ehe das Volk Hüter der am Sinai vernommenen Lehre gewordenist und ihr einen Tempel im eigenen Herzen erbaut hat. Sobalddiese Reife eingetreten war, sobaldsein Herz von Stein in einHerz von Fleisch" nmgewandelt war, sobald das Prophetenthumdie Mittlerschaft des Priesterthums überwunden hatte, konnten diePropheten vom Schauplatz abtreten, sie waren überflüssig geworden;das Volk hatte selbst volles Verständniß für sein Wesen und seinenBerns erlangt.

Die Geschichte veranschaulicht, wie diese doppelte Umwandlungvor sich gegangen ist, wie eine winzige Scheich-Familie zu einemVolksansatze gewachsen, wie dieses Völkchen zu einer Horde ernied-rigt, und diese Horde zu einem künftigen Gottesvolke erzogen wurde,indem ihm die Lehre der Selbstheiligikng und Selbstbeherrschungin Verbindung mit dem erhabenen Gottesbegriff als Seele einge-