XXVIII
stellt, utopisch ist, wie jedes Ideal, das, weil es die Verwirklichungerst iu einer besseren Zukunft anstrebt, so lange diese nicht einge-treten ist, unausführbar erscheint. Man verurtheilt also das Ideal,wenn man die Theorie der israelitischen Verfassung geringschätzt.Denn sie hat zuerst, wie schon gesagt, Menschenrechte aufgestellt, hatzuerst den Bau des Staates auf demokratischer Grundlage errichtet,hat nicht blos sämmtliche eingeborene Bürger, sondern auch dieFremden gleichgestellt und die Kasten-, Standes- und Klassenunter-schiede aufgehoben. Sie hat selbst die Sklaven gegen Launen undRohheit ihrer Herren in Schutz genommen. Sie hat als Staats-grundsatz angenommen, daß es „keine Armen im Lande geben soll"'und hat der Anhäufung des Reichthums und dem Laster des Luxusauf der einen Seite und der Anhäufung des Elends und dem Lasterder Armuth auf der andern entgegengearbeitet. Durch das Systemdes Erlaß- und Jubeljahres hat sie die Verjährung der veräußertenFreiheit und des veräußerten Grundbesitzes verhüten wollen. Kurzdiese Verfassungstheorie hat das ideale Ziel angestrebt, die Uebelnicht um sich greifen zu lassen, an denen noch die Culturstaaten derGegenwart kränkeln. Will man das Ideal verspotten, so thue manes, aber mau bedenke wohl, daß es das Salz ist, welches die Ge-sellschaft vor Fäulniß schützt.
Allerdings ist es auch eine Mangelhaftigkeit in der Charakter-anlage des israelitischen Volkes, daß es keine Riesenbauten undkeine architektonischen Kunstwerke hinterlassen hat. Es mag keineFähigkeit für die Baukunst besessen haben; allein dieser Mangelkann auch in dem Umstande gelegen haben, daß es von seinemGleichheitsideale aus seine Könige nicht so hochgestellt hat, umihnen Riesenpaläste und Pyramidengräber zu erbauen. Es hat dieHütte des Armen höhergestellt. Es hat auch seinem Gotte nichtTempel erbaut — den Salomonischen Tempel haben Phöniciererrichtet — weil es das Herz zum Tempel Gottes machen wollte.Es hat Götter weder gemeißelt, noch gemalt, weil die Gottheit ihmnicht Gegenstand des anmuthigen Spieles, sondern andächtiger,ernster Verehrung war.
Das israelitische Volk hat es allerdings nicht zu einem künstle-rischen Epos und noch weniger zur Gattung des Trauer- und Lust-spiels gebracht; es mag ein Mangel in der Anlage gewesen sein,aber dieser Mangel hängt damit zusammen, daß es eine entschiedene