XXII
ernste Seite des Lebens zeigten. Da verzweifelten sie an ihremlichten Olymp, und ihre Weisheit wurde zur Thorheit; sie gabihnen höchstens den Math zum Selbstmorde. Wie der einzelneMensch, so bewährt sich auch ein Volk nur im Unglücke. Die Griechenbesaßen aber nicht die Standhaftigkeit, das Unglück zu überdauernund sich selbst treu zu bleiben. Weder die olympischen Spiele, nochdie großen Erinnerungen schlangen ein gemeinsames Band um sie,noch sachte ihre Weisheit Trost und Hoffnung in ihrem Herzen an.Sobald das Exil über sie verhängt wurde, sei es in der Fremde,sei es in ihrem eigenen Lande, so wurden sie sich selbst entfremdetund gingen in einem Gemisch barbarischer Völkerschaften unter.Woher kam dieser vollständige Untergang? Daß die Römer, dasmächtigste Volk des Altcrthums, ebenso wie die ihnen vorangegan-genen mächtigen Völker dem Tode verfielen, lag daran, daß sie sichauf das Schwert stützten; denn auch bei Völkern tritt das Vergeltungs-gesetz ein: Wer dem Schwerte vertraut, verfällt dem Schwerte. Warumhat aber der Tod auch die Griechen hinweggerafft, sie, die dochneben dem Kriegshandwerk auch ideale Zwecke verfolgten? Siehatten nicht eine bestimmte, selbstbewußte Lebensaufgabe.
Das hebräische Volk hatte aber eine Lebensaufgabe, und diesehat es geeint und im grausigsten Unglück gestärkt und erhalten.Auch ein Volk, das seinen Beruf kennt, weil es sein Leben nichtträumerisch und tastend zubringt, ist in sich gefestigt und stark. DieAufgabe des israelitischen Volkes war darauf gerichtet, an sich selbstzu arbeiten, die Selbstsucht und die thierische Gier zu überwindenund zu regeln, Hingebungsfähigkeit zu erlangen oder, mit der Spracheder Propheten zu reden, „die Vorhaut seines Herzens zu beschneiden,"mit einem Worte, heilig zu sein. Die Heiligkeit bedeutete fürdieses Volk zunächst Enthaltsamkeit von thierischer Gemeinheit undvon geschlechtlichen Verirrungen. Die Heiligkeit legte ihm Selbst-beschrünkung und Pflichten auf, erhielt aber auch Leib und Seelegesund. Die Weltgeschichte hatte die Probe dazu gemacht. SämmtlicheVölker, welche sich durch Unzucht befleckt und durch Gewalt ver-härtet haben, sind dem Tode verfallen. Nenne man diese Lebens-aufgabe des israelitischen Volkes höhere Moral — das Wortdeckt zwar den Begriff nicht, aber man kann sich darüber verständigen.Wichtiger ist es zu betonen, daß das israelitische Volk seine Auf-gabe darin erkannt hat, mit dieser höheren Moral Ernst zu