saft zugeführt haben, die spärliche Einsickerung hat doch Wunderan ihnen gethan und allmälig eine durchgreifende Umwandlung inihrem Wesen hervorgebracht. Zur Zeit der wilden Kreuzzüge habendieselben Völker aus denselben Quellen, allerdings verdünnt undgeschwächt, neue Erfrischung erhalten. Erst als diese Quellen, welchevon den Mönchen, Derwischen und Klausnern jeder Art verschüttetworden waren und verschüttet bleiben sollten, von Neuem geöffnet undin Fluß gebracht wurden, begann die Neuzeit, und weder Loyola,noch die Inquisition, noch die verknöcherte Buchstabengläubigkeit, nochder sich selbst vergötternde Despotismus vermochten den Segen zuhemmen, den die griechischen und hebräischen Humanisten zunächstfür Europa gebracht hatten.
Welchen Antheil das Griechenthum an der Wiedergeburt der Cul-turvölker hat, daß es die Blüthen der Künste und die Früchte der Er-kenntniß ausgestreut, daß es das Reich der Schönheit eröffnet und olym-pische Gedankenklarheit ausgegossen, daß sich diese ideale Seele in seinerGesamtliteratur verkörpert hat, und daß aus dieser Literatur undden Ueberbleibseln seiner Kunstideale noch immer eine verjüngendeKraft strömt, wird volltönig und neidlos zugestanden. Die klassischenGriechen sind todt, und gegen Verstorbene ist die Nachwelt gerecht.Mißgunst und Haß verstummen am Grabe eines großen Todten; seineVerdienste werden in der Regel noch überschätzt. Anders verhält essich mit dem andern schöpferischen Volke, mit dem hebräischen. Geradeweil es noch lebt, werden seine Verdienste um die Gesittung nichtallgemein anerkannt, oder es wird daran gemäkelt, es wird einanderer Name dafür untergeschoben, um den Urheber in den Schattenzu stellen oder gar zu beseitigen. Wenn die Billigdenkenden ihmauch einräumen, daß es die monotheistische Idee und eine höhereMoral ins Bölkerleben eingeführt hat, so würdigen nur sehr Wenigedie große Tragweite der gemachten Zugeständnisse. Man macht sichnicht klar, warum das eine schöpferische Volk mit der ganzen Fülleseiner Begabung gestorben ist, und warum das andere, so oft demTode nah, noch immer auf Erden wandelt und sich einige Malverjüngen konnte.
Wie anmuthig auch die Götterlehre der Griechen, wie süß ihreKunstschöpfungen, wie belebend ihre Weisheit waren, sie bewährtensich nicht in den Tagen der Drangsale, als die makedonischen Pha-langen und die römischen Legionen ihnen statt der heiteren die
Graetz, Geschichte der Juden. I. t,