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Zwei Voraussetzungen sind es insonders, von denen erbei seiner Auslegung sich leiten läßt, und welche in seinemganzen Wesen tief begründet sind. Zunächst neigte er zu derAnnahme, daß bei den biblischen Schriften allenthalben einhistorischer Hintergrund durchschimmern müsse und selbst all-gemeine Bezeichnungen und Reflexionen ihren individuellen,tatsächlichen Charakter nicht verleugnen können, der ebenherausgehört und erkannt werden muß. Alsdann war er derAnsicht, daß ein Widersinn, eine Unbegreiflichkeit im biblischenWortlaut nicht durch Verrenkung des Wortes oder Satzes,nicht durch eine weit hergehvlte Analogie aus einem entfernten,obschon verwandtschaftlichen Idiom wirklich gelöst werdenkönne, sondern daß hier der Text zu Schaden gekommen seiund der ursprüngliche Wortlaut durch eine Konjektur ausder Tiefe des Zusammenhanges oder nach einer talmudischenParallele oder mit Hilfe der alten Übersetzungen konstruiertund annähernd wieder hergestellt werden müsse; denn daransei nicht zu zweifeln, daß die Katastrophen und die Jahr-hunderte, vielleicht auch die Abschreiber in ihrer Unzulänglichkeit,an der Urgestalt des biblischen Textes, bevor derselbe mit allerSorgfalt festgelegt werden konnte, gezerrt und gelöscht haben,ja daß selbst noch später allerlei Irrungen mituntergelaufen seinmögen. Nach diesen Grundsätzen hat Graetz auch die Psalmenbearbeitet, von denen er 1881 eine deutsche Übersetzung heraus-gab, worauf daun 1882 bis 1883 ein „kritischer Kommentarzu den Psalmen nebst Text und Übersetzung, 2 Bände" folgte.Der Kommentar ist großartig angelegt, bietet eine Fülle vonGelehrsamkeit und enthält neben vielem Vortrefflichen dochauch viele abenteuerliche Kombinationen und vage, wenn auchgeistreiche Hypothesen. Ein wegen seiner Gelehrsamkeit,wie wegen seiner Besonnenheit gleich hochgeschätzter Orientalist,Justus Olshausen, der den alttestamentlichen Text zu lingui-stischen Zwecken kritisch zu läutern suchte, äußerte sich überden Psalmenkommentar in einem Schreiben an den Verfasserfolgendermaßen: Z „Zwar wird Ihr kritischer Kommentarwegen der Kühnheit Ihrer Kritik bei der großen Zahl derExegeten großen Anstoß erregen, die als Exegeten selber über-kühn, aber schwache Kritiker sind. Für mich hat, wie Sie
ü Abgedruckt in Rippners: Zum siebzigsten Geburtstag des Professorsvr. H. Graetz, S. 31.