Hypothesen, für welche nicht der bündige Beweis die Über-zeugung schafft, sondern der Wille und das Gemüt; um wievielmehr wird eine Persönlichkeit von so starker Subjektivität,von so scharfer Feinhörigkeit und kühner Kombination, wieGraetz, leicht zu Resultaten kommen, die einen schneidendenGegensatz zu allen landläufigen Begriffen bilden, ohne daßsie in jedem und allem stets auf eine objektive, sichere Basisgestellt werden können. In der Tat sind seine Ergebnisse undErläuterungen, die von einem leidenschaftlichen Streben nachvoller Klarheit und Folgerichtigkeit beherrscht werden, oft voneiner verblüffenden Originalität. Jedenfalls aber hat er allerleineue Fragen in Fluß gebracht, viele fruchtbare Anregungengegeben und manchen schönen Triumph auf diesem strittigenBoden davon getragen. Mit solcher Kühnheit wird die Exegesezweier hagiographischer Bücher behandelt, welche 1871 un-mittelbar aufeinander folgten, und mit denen er zuerst vordie Öffentlichkeit trat: Koheleth (oder der salomonische Pre-diger, übersetzt und kritisch erläutert), dessen Entstehung bisin die Regierungszeit des Herodes hinabgerückt wird, undSchir Ha-Schirim (oder das salomonische Hohelied, übersetztund kritisch erläutert), dessen Verfasser er der syrisch-maze-donischen Zeit zuweist. So sonderbar die Hypothesen betreffsder Abfassungszeit der beiden Bücher und manche andere Auf-fassungen den Leser berühren und stutzig machen, weil sie sichvon allen bisher begangenen Heerstraßen überaus weit ent-fernen, man muß gestehen, daß diese Hypothese über dieUrsprungsperiode von Kohelet viel Bestrickendes für sich hat,man muß jedenfalls anerkennen, daß gut und geschmackvollübersetzt worden, daß sehr instruktive Bemerkungen und Hin-weise gegeben werden, daß die alten Übersetzungen eingehendund aufmerksam herangezogen und benutzt sind. Im Kom-mentar zu Koheleth, welcher überhaupt denjenigen zum Hohe-lied an Wert übertrifft, finden sich zugleich interessante Auf-schlüsse über die griechische Übersetzung. Ein wirkliches undbleibendes Verdienst hat sich Graetz als Exeget darin erworben,daß er stets auf Analogien aus der Mischnah und dem Talmudzurückzugreifen und namentlich den bibelkritischen Stoff, dendie talmudische Literatur bietet, auszubeuten sucht, wobei erueues Material beibringt und alles in scharfsinniger Weise fürdie Fragen der höheren Kritik fruchtbar macht.
Druckschrift
1 (1873) Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) : nebst synchronistischen Zeittafeln
Entstehung
Seite
62
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