55
sich auch in der Mischnah zum Schluß des Traktats Sotah.Graetz änderte nur einen einzigen Buchstaben ll in P undliest statt OiL'L (Titus) vielmehr mid'p (Kitus) - Quietus.Damit hat er einen palästinensischen Aufstandunter Lucius Quietus entdeckt, über den freilich nichts nähereszu erfahren ist, dessen Existenz aber außer Zweifel steht; merk-würdigerweise ist diese ebenso einfache, wie geistvolle Konjekturdurch eine handschriftliche Lesart bestätigt worden?) — Nichtminder seltsam klingt eine Erzählung (Sabbath 17a): „Mansteckte ein Schwert ins Lehrhaus und sagte: wer will, darfhineingehen, aber niemand darf herausgehen usw." Graetzlöst dieses Rätsel: eine terroristische Synode, in dem erstenJahr der Revolution gegen Nero von den Schammaiten inSzene gesetzt,^) wie er überhaupt den Gegensatz zwischen derSchule Hillels und Schammais nicht bloß als einen theore-tischen, sondern als einen politischen erfaßt und in den ver-bissenen Zeloten die extremen Schammaiten wieder erkannt hat.„Ein anerkennenswertes Verdienst hat sich Graetz durch Auf-deckung dieser bis dahin von niemand recht gewürdigten Tat-sache (der terroristischen Synedrialsitzung) erworben, welchean sich sehr bedeutsam erscheint und noch mehr Beachtungfordert wegen anderer sich daran knüpfenden Ergebnisse . . .Jedenfalls ist ein zweites Verdienst des Herrn Graetz, nämlichdie Benützung der Megillath Taanith als Geschichtsquelleund die Ermittelung der Angaben derselben, wenn auch manchesnoch zweifelhaft bleibt, von gleich großer Bedeutung," so urteiltder Historiker?) Jost, gewiß ein spruchbefugter Richter in diesenDingen.
Wo soviel Licht ausstrahlt, kann es auch an Schattennicht fehlen. Die Kehrseite seiner hohen Vorzüge zeigt sichdarin, daß er seine Subjektivität zuweilen stark vorwaltenläßt, daß er bei seinen Hypothesen allzusehr nach klarer, scharferBestimmtheit strebt, während die Ere gnisse häufig ineinanderfließen, die Charaktere oft vielleicht wechselnden, widersprechen-den Stimmungen und Motiven nachgeben, die Texte möglicher-weise von ihren Verfassern eine uns gar nicht mehr verständliche,
*) Vgl. Band 4, zweite Auflage, Not. 14.
^) B. 3, zweite Auflage, Not. 26.
3) Jost, Gefch. des Judentums und seiner Sekten. Abt. 1, S. 437,Anm. 3.