Druckschrift 
1 (1873) Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) : nebst synchronistischen Zeittafeln
Entstehung
Seite
51
Einzelbild herunterladen
 

51

spitz?)Allerdings" replizierte Graetz scharfaber dieses Maleine jüdische Geschichte!" In der Tat war Graetz der erste,welcher der jüdischen Geschichte das ihr gebührende Rechtwiederzugewinnen suchte und den Standpunkt der jüdischenAnschauung geltend machte. Die christliche Anschauung er-blickt nämlich die Vollendung und den Abschluß der LehreMoses und der prophetischen Verkündigungen in dem Glaubenan die Messianität des Gottmenschen und an die Wunder,die von seiner Geburt, seinem Tod und seiner Auferstehung be-richtet werden; nur was auf diesem dogmatischen Glaubens-boden wurzelt, könne sich zum richtigen Gottesbegriff, zu wahrerSittlichkeit erheben und die Fortbildung der Zivilisationfördern. Das Judentum habe demnach, indem es das Christen-tum aus sich herausgesetzt, seine religiöse Mission erschöpft,und mit dem fast gleichzeitigen Zusammenbruch seiner natio-nalen Selbständigkeit sei seine geistige Bedeutung und seingeschichtliches Leben erloschen; was sich darüber hinaus fort-spinnt, sei nichts weiter als Verkümmerung und Entartung,Thoravergötterung und religiöser Formalismus.

Dieser von bewußter oder unbewußter Befangenheitgetrübten Auffassung will Graetz eine wahrheitsgetreue Dar-stellung der Tatsachen, frei von jeder Tendenz, Geflissentlichkeitund Schönmalerei gegenüberstellen; es bedarf nach seinerMeinung nur einer objektiven, vorurteilslosen Geschichts-betrachtung, um die durch Not und Druck immer wieder hin-durchbrechende Lebenskraft und den fortwirkenden Geistes-trieb des Judentums zu erkennen, wie es unabhängig vonseiner nationalen Existenz, getragen von der Macht seinerInnerlichkeit und Idealität, den Ausbau seines monothei-stischen Lehrbegriffs und sittlichen Gedankens fortsetzt, wiees trotz seiner unsäglichen Leiden Denker und Dichter, selbstStaatsmänner erzeugt, wie es, obwohl entwurzelt und zer-splittert, an den Kulturaufgaben der Menschheit eifrig underfolgreich mitgearbeitet hat. Der Standpunkt solcher Ge-schichtsbetrachtung ist von Graetz energisch ausgenommen

i) Zunz hielt nicht nur jede Geschichtsdarstellung des Judentums damalsfür verfrüht, er hatte bei seiner Äußerung wohl ein 1846 erschienenes Mach-werkGeschichte der Israeliten" von vr. I. H. Dessaucr, im Auge; in derzwar sehr verblümten Anspielung auf dieses unbedeutende Buch lag wahr-scheinlich der verletzende Stachel.

4 *