45
Partien der jüdischen Geschichte heranzuwagen, für welchedamals in Vorarbeiten und Spezialforschungen noch überauswenig geschehen war, so konnten auch die Gegner „nicht umhin,einzugestehen, daß er seine Aufgabe im ganzen gut gelöst"*)habe.
Allerdings wurde es als ein noch höherer Mut angesehenund vielleicht auch ironisiert, daß Graetz auf dem Seitentitel-blatt und in der Vorrede seines Buches, das er als vierte nBand bezeichnet hatte, ohne Scheu und Schüchternheit an-kündigte, er werde von demselben Standpunkt kritischer Ge-schichtsforschung und in gleicher Darstellungsweise eine Ge-samtgeschichte der Juden liefern. Das wollte ein einzelnerMensch fertig bringen! War ihm denn wirklich die schöpferischgestaltende Kraft des echten Historikers gegeben? Oder wollteer sich gar den historischen Lorbeer auf Kredit reichen lassen?
Die äußeren Verhältnisse gestalteten sich nun doch fürihn immerhin günstig genug, so daß die Ausführung seineskühnen Vorhabens dadurch in hohem Grade erleichtert schien.Nicht etwa daß sich eine Gemeinde oder gar einMäcen gefunden,nur ihm die Mittel bereit zu stellen, die zur Durchführungeiner Aufgabe, wie er sie sich vorgesetzt, erforderlich waren;wie noch ganz anders hätte er dieselbe gelöst, wenn er beiseiner wunderbaren Arbeitskraft in die Lage gesetzt wordenwäre, die handschriftlichen Schätze der verschiedenen Biblio-theken in aller Muße zu durchmustern und zu benutzen! Einederartige Gunst hat bis auf den heutigen Tag der jüdischenWissenschaft noch nicht gelächelt, und es ist, als wenn unsererGlaubensgemeinschaft, die doch sonst für alle humanen Inter-essen ein einsichtiges Herz und eine offene Hand hat, nochimmer nicht das richtige Verständnis für diese Ehrenschuld an dieVergangenheit aufgegangen wäre. Graetz war schon zu-frieden, daß die drückende Sorge um das tägliche Brot vonihm genommen war, als am 10. April 1854 Statuten, Planund Personalien des Rabbinerseminars die Bestätigung derpreußischen Regierung erlangten. Wiederum siedelte er nachBreslau über, wo sein literarischer Stern zuerst aufgetauchtwar und er sich einstmals vergebens bemüht hatte, festen Fußzu fassen, nur fortab als ordentlicher Lehrer an der ersten
Israelitischer Volkslehrer a. a. O.