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lauten Streit eingestellt, aber in der Schärfe ihres Gegen-satzes innerlich nicht nachgelassen hatten, scheel und unbe-friedigt auf ein Buch blickten, das uur der Wahrheit dienenwollte und für keine andere Tendenz sich verwerten ließ. DieAnhänger der Reform warfen dem Verfasser vor, daß er denTalmud und seine Lehrer nur zu glorifizieren wisse, hingegenden wundesten Punkt, daß sie „die Versteinerung und Ver-knöcherung des Judentums" verschuldet hätten, mit keinerSilbe berühre^) während die Stockorthodoxen darüber unge-halten waren, daß er die Träger der Tradition einer ihrerAnschauung nach unbefugten Kritik unterzieht und den tradi-tionellen Lehrbegriff als das Produkt historischer Prozessenachzuweisen sich bestrebt?)
Darüber freilich gab es nur eine Stimme, daß diejüdische Wissenschaft in Graetz einen hervorragenden, vielver-heißenden Forscher gewonnen habe und daß dieser über eineganz staunenswerte Gelehrsamkeit und Originalität verfügte.Man konnte ihm die Anerkennung nicht versagen, daß er durchseine Beherrschung der beiden Talmude und des gesamtenMidrasch, durch seine Vertrautheit mit den Schriftwerkender Kirchenväter, durch die geschickte Methode, beide disparateLiteraturkreise für kritische Punkte miteinander zu konfrontierenund sich gegenseitig beleuchten zu lassen, durch die glücklicheKombinationsgabe, etwaige über abgelegene Literaturgebieteverstreute Notizen, die überdies häufig noch einer Reparaturbedurften, als Ergäuzungsstücke heraus zu erkennen undaneinander zu fügen, durch den scharfsinnigen Spürsinn,mit dem er verschollene geographische Namen und verwitterteBezeichnungen, welche verschüttet und vergessen in irgendeinem Winkel lagen, mit festem Blick herauszuheben, zu belebenund zu befruchten wußtet) — daß er durch solche Vorzügeund Leistungen, welche durch die unvermeidlichen Verfehlungenund Verstöße im einzelnen keineswegs beeinträchtigt werden,die gelehrte Forschung wesentlich gefördert und die geschichtlicheErkenntnis erheblich bereichert hat. Wenn ein hoher Mutdazu gehörte, sich an eine der dunkelsten und schwierigsten
1) Der israelitische Volkslehrer von L. Stein, Jahrg. V, 1855, S. 37.
2 ) Jeschurun von S. R. Hirsch, Jahrg. II und III.
2 ) Vgl. Geschichte der Juden, Bd. IV, Note 20 (in späteren AuflagenNote 16.)