Druckschrift 
1 (1873) Geschichte der Israeliten von ihren Uranfängen (um 1500) bis zum Tode des Königs Salomo (um 977 vorchr. Zeit) : nebst synchronistischen Zeittafeln
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

zuwandte, sah er sich in seinen eigentlichen Erwartungen ent-täuscht, und das Peinliche seiner prekären Lage verschärftesich im Laufe der Zeit noch mehr. Die Fanatiker des Nikols-burger Ghettos hatten selbstjsan dem gesetzestreuen Verhaltendes Landrabbiners vielerlei auszusetzen, sein Jünger wandeltevollends unter ihnen als eine fremde, unheimliche Erscheinung.Denunziationen verdächtigten ihn bei den Lokalbehördenwegen seiner demokratischen Gesinnung; damit traf ihn derschwerste Makel, mit dem besonders ein Ausländer in deindamaligen Österreich behaftet werden konnte, und es bedurftedes ganzen Aufgebotes seiner Freunde, um arge tlngelegen-heiten und eine sofortige Ausweisung von ihm abzuwehren.Die Schöpfung einer Rabbinerschule, auf welche Graetz wieauf eine letzte Karte alle seine Hoffnungen gesetzt hatte, erwiessich immer inehr als eine leere Seifenblase; ob die Orts- undZeitverhältnisse dem Projekt ungünstig waren, ob Hirsch ausanderen Gründen den Plan fallen ließ, steht dahin?) In denfreundschaftlichen Beziehungen beider Männer war auchallmählich eine leise Erkaltung eingetreten. Graetz begrüßtees daher wie eine Erlösung aus unhaltbaren Zuständen, alsihm aus den: im Nikolsbnrger Bezirk gelegenen Lunden-burg, einem Städtchen in der Nähe Wiens, seitens des Vor-standes der Antrag gemacht wurde, die Organisation undLeitung der dortigen Gemeindeschule zu übernehmen. Manverständigte sich schnell, und am 12. September 1850 erfolgteseine Anstellung als Dirigent und Oberlehrer der jüdischenSchule zu Lundenburg.

Es war ein bescheidenes Amt, in dessen Dienst er sich stellte,und ein mäßiges Einkommen, mit dem er zu rechnen hatte.

i) Graetz äußert sich darüber in seinen: ourrionlum vitas (bei denAkten des Kuratoriums der Kgl. Kommerzienrat Fränckelschen Stiftungen,den Seminarlchrer Graetz betreff.") folgendermaßen:In: Jahre 1849folgte ich dem Rufe, der von dem mährischen Landrabbincr an mich erging,mich bei der Gründung eines Rabbinerseminars für die mährischen und öster-reichisch-schlesischen Gemeinden zu beteiligen und an demselben als Lehrerzu wirken. Doch kam dieses Institut nicht zustande; die schwankenden Ver-hältnisse des österreichischen Staates überhaupt und die einem ewigen Pro-visorium anheimgefallene Stellung der Israeliten im Kaiscrstaatc zogendie Verhandlungen über die Verwirklichung eines derartigen Seminars indie Länge. Ich sah mich infolgedessen in die Notwendigkeit versetzt, pro-visorisch die Leitung einer öffentlichen israelitischen Schule in Lundenburgbei Wien zu übernehmen".