daß auch im Glaubensleben die veränderten Zeitverhältnisseberücksichtigt werden müßten, daß aber diese Berücksichtigungden historischen Boden nicht verlassen dürfe, und daß alle Neu-ordnung aus der wissenschaftlichen Erkenntnis des Wesensund der Tradition des Judentums heraus zu erfolgen habe.Das war nun ganz nach dem Sinne von Graetz, und er hattesich kaum ein Jahr darauf öffentlich bemerkbar gemacht, alser Beziehungen zu Frankel suchte, der dieser Annäherung bereit-willigst entgegenkam und den jungen Gelehrten zur Mit-arbeiterschaft an seiner Quartalschrift aufforderte. Graetzantwortete darauf mit der Übersendung eines höchst geistvollenund anregenden Aufsatzes: „Die Septuaginta im Talmud",wobei die ihm eigene Weise, Talmud und Midraschstellenuntereinander und mit den Angaben und Anführungen derKirchenväter zu vergleichen, das historische Element des talmu-dischen Berichtes dadurch zu fixieren und Kombinationendaran zu knüpfen, klar zutage tritt.
In demselben Jahr 1845 war Frankel auf der zweitenzu Frankfurt a. M. tagenden Rabbinerversammlung mit derHoffnung erschienen, in mäßigendem und vermittelnden:Sinne auf die Beratungen und Beschlüsse einwirken zu können;er gab jedoch diese Hoffnung auf, als die Versammlung denBeschluß faßte, daß das Hebräische als Gebetssprache beimGottesdienst nur „ratsam", nicht „objektiv-notwendig" sei.Er trat mit Eklat aus der Rabbinerversammluug aus undrechtfertigte seinen Schritt in einer ebenso würdigen wieentschiedenen Erklärung. Frankels Auftreten fand allseitigeund lebhafte Anerkennung, es rüttelte geradezu die gesetzes-treuen Gemüter der verschiedensten Schattierungen auf,aus zahlreichen und angesehenen Gemeinden wurde ihn:durch huldigende Dankadressen die volle Zustimmung zu seinementschlossenen Vorgehen ausgedrückt. In Breslau hatte Graetzeine begeisterte Adresse abgefaßt und in Umlauf gesetzt; dieselbebedeckte sich schnell mit Unterschriften, und Graetz konnte sichdabei den malitiösen Scherz nicht versagen, notorische An-hänger von Geiger, der den Austritt Frankels sehr übel ver-merkt und durch dessen Erklärung sich zu schmähendem WortHinreißen ließ, mit Erfolg zur Unterzeichnung heranzuziehen.
Warum wohl Frankel damals die ihm günstige Stimmungund Gelegenheit nicht sofort benutzte, um eine große gemäßigte