Gelöbnis gegenseitiger Liebe aus. Er ahnte damals nicht,daß er ein Frauenherz gewonnen hatte, stark und befähigt,ihm in die dunkeln Tage, die gar bald schwer über ihn Herein-brechen sollten, wie ein freundlich Helles Gestirn hineinzu-leuchten und ihm den Stützpunkt zu bieten, an dem er sich auf-recht hielt.
Vorläufig tauchten allerlei Hoffnungen in schwankendenUmrissen vor seinem Blicke auf und nahmen allmählich dochfestere Gestalt an; es winkte ihm endlich die Aussicht auf eineehrenvolle Lebensstellung, die er so heiß ersehnt und erstrebthatte. Eine größere Gemeinde Oberschlesiens, dermalen nachBreslau wohl die zweitgrößte und wohlhabendste in Schlesien,Gleiwitz, suchte für das erledigte Rabbinat einen Mann, dermit rabbinischem Wissen ausgerüstet, auf der Höhe modernerBildung stehen und einem besonnenen, maßvollen Fortschrittsich zuneigen sollte. Auf Graetz, dessen schriftstellerischer Rufbereits in jene Gegend gedrungen war, richtete sich das Augen-merk aller Spruchbefugten in jener Gemeinde, er erschien alsder für diesen Posten geeignetste Kandidat, der durch Geistund Wissen den verschiedenartigen, wenig geklärten An-schauungen und Ansprüchen ebenso zu imponieren, wie zu ent-sprechen verstehen würde. Sämtliche Stimmführer erklärtensich für ihn, und es erübrigte nur uoch, daß er, wobei man nichtim mindesten am Gelingen zweifelte, durch die eine oder anderePredigt eine Probe seiner homiletischen Befähigung ablegeund die anderen Kreise der Gemeinde an sich ziehe.
Vor den hohen Feiertagen traf bei Graetz eine hebräischeZuschrift des Vorstandes aus Gleiwitz ein, welche in denschmeichelhaftesten Ausdrücken abgefaßt und die Anwartschaftauf das Rabbinat in sichere Aussicht stellend, ihn einlud, amVersöhnungsfest 1845 (6606) in der Synagoge daselbst diePredigten abzuhalten. Zur festgesetzten Frist, am Eingangs-abend des heiligen Tages bestieg er die Kanzel, und das Re-sultat war — ein ganz unerwartetes Fiasko, das um so schlimmerwirkte, weil es das Zutrauen zu seinerwhetorischen Begabungin seinem eigenen Innern vollends erschütterte. Er hatte seinMemorandum total vergessen, verlor die Geistesgegenwart,stand ratos da und mußte nach wenigen Worten die Kanzelverlassen. Seine Freunde und Anhänger, die unerschütterlichzu ihm standen, boten alles auf, um ihm Gelegenheit zu geben,