Druckschrift 
12 (1851) Der Wildtöter : eine Erzählung
Entstehung
Seite
546
Einzelbild herunterladen
 

5-16

verborgen. Als sie angekleidet war, verließ sie ihre mit Haushal-tungssachen beschäftigte Frenndin, und ging selbst ans die Platt-form, um die reine Morgenluft zu athmen. Hier traf sie Chin-gachgook, wie er die Küsten des See's, die Berge und den Himmelmit dem Scharfblick eines Mannes der Wälder und mit dem Ernsteines Indianers studirte.

Die Begegnung der Liebenden war einfach aber liebevoll. DerHäuptling zeigte eine männliche Freundlichkeit, gleichweit entferntvon knabenhafter Weichheit wie von Hast, während das Mädchenin ihrem Lächeln und ihren halb abgewandten Blicken die verschämteZärtlichkeit ihres Geschlechtes verrieth. Keines sprach, außer mitden Augen, aber Beide verstanden einander so vollkommen, wiewenn sie ein Wörterbuch voll Phrasen und Bcthenrnngen erschöpfthätten. Hist erschien selten voriheilhafter als in diesem Augenblick;denn da sie eben vom Schlaf und von den Abwaschungen hcrkam,zeigte ihre jugendliche Gestalt und ihr Antlitz eine Frische, welcheselbst die Jungen und Hübschen unter den Mühsalen des Waldlcbenssich nicht immer zu erhalten vermögen. Sodann hatte Judith nichtnur Einiges von ihrer Geschicklichkeit in der Toilette während ihrerkurzen Bekanntschaft ihr beigebracht, sondern ihr auch aus ihrenBorräthen einige gutgewäblte Zierrathen geschenkt, welche die natür-lichen Reize der jungen Indianerin nicht wenig hcraushoben. Allesdieß sah und empfand der Liebhaber, denn einen Augenblick warsein Angesicht von einem Blick der Freude erleuchtet; aber baldwar es wieder ernst, und dann wurde es traurig und ängstlich.Die in der vorigen Nacht gebrauchten Stühle standen noch aufder Plattform: erstellte zwei davon an die Wände der Hütte, setztesich auf einen, und bedeutete mit einer Geberde seiner Genossin,den andern zu nehmen. Nach diesem blieb er noch eine volleMinute nachdenklich und stumm, die überlegende Würde einesMannes behauptend, der dazu geboren ist, seinen Sitz am Bera-thungsfeuer einzunehmen, während Hist verstohlen den Ausdruck