464
chester wandte sich gegen ihn mit fragendem Blicke, denn zwischenBeiden war das Nöthige schon zum Voraus abgemacht worden.Eine bezeichnende Geberde war Alles, was er zur Antwort erhielt.
Dieß genügte aber auch vollkommen. Alsbald wurden gewissegeheime Befehle erlaffen. Jetzt war unter den Vormarsmatrosenund auf dem Vorkastell eine gewisse Geschäftigkeit zu bemerken: andem Vorraa-Arm wurde ein Tau aufgezogen und ein Gatter alsAuftritt hergerichtet — lauter untrügliche Zeichen einer bevorstehen-den Exekution.
So sehr auch diese rauhen Seeleute Gefahren jeder Art zu be-stehen und menschliches Leiden fast unter jeder Gestalt mitanzuschengewöhnt waren, so war dießmal gleichwohl über Alle ein eigen-thümliches Gefühl der Menschlichkeit gekommen. Raoul war freilichihr Feind und als solcher noch vor achtundvierzig Stunden ein Gegen-stand ihres vollen, aufrichtigen Hasses: aber die Umstände hatten denfrüheren Groll in ein edleres, männlicheres Gefühl umgewandelt.Erstens war ein siegreicher, triumphirender Feind etwas ganz Anderesals ein Gegner, den sie in ihrer Gewalt hatten und der gänzlichvon ihrer Gnade abhing. Dann war auch die persönliche Erschei-nung des jungen KaperSmanneS ungewöhnlich einnehmend und durch-aus verschieden von der Schilderung, welche lebhafte Eifersucht,vielleicht nicht ohne Beimischung von Bitterkeit, früher von ihmentworfen hatte. Vor Allem aber wurde ihr Edelmuth durch dieUeberzeugung geweckt, daß die eine große Leidenschaft des Menschen— und nicht der gewöhnliche Beweggrund eines Spions ihren Feindin diese Gefahr gestürzt und er, wenn auch vom technischen Gesichts-punkte aus schuldig — selbst zugegeben, daß er bei Verfolgungseiner LiebeSabsichten vielleicht nebenbei kriegerische Plane nährte —gleichwohl nicht um elenden Lohn also gehandelt habe.
Alle diese Betrachtungen, zusammengenommen mit dem Wider-willen, welchen Seeleute immer gegen die Vornahme einer Exekutionauf ihrem Schiffe hegen,— hatten der Sache eine durchaus veränderte