„Ganz richtig, Raoul, bis auf einen gewissen Gradkannst Du das und zwar gerade, weil Du nach dem EbenbildeGottes geschaffen wurdest. Die geringe Aehnlichkeit, welche Dirmit jenem mächtigen Wesen zu Theil geworben, macht Dich fähig,dieß Alles weit besser, als die Thiere des Feldes zu verrichten:wärest Du völlig seines Gleichen, dann könntest Du selbst jenesGrundprinzip schaffen, von dem Du sprichst und das Du in DeinerBlindheit irriger Weise für den Schöpfer selber «»siehst."
Ghita sprach dieß mit weit mehr Wärme, als sie früher inihren häufigen Gesprächen über diesen Gegenstand bewiesen hatte,und mit einer Feierlichkeit des Tons, welche ihren Zuhörer über-raschte. Sie besaß nicht, was man in der gewöhnlichen Bedeutungdes Wortes Philosophie nennt, wogegen Raoul bei allen Mängelnseiner Erziehung eine schöne Portion davon inne zu haben wähnte, unddoch wurden alle Fähigkeiten des Mädchens durch ihr starkes reli-giöses Gefühl dermaßen geschärft, daß er sich oft wundern mußte,wie sie in ihrem Streite über einen Gegenstand, worin er selbst jostark zu scyn sich schmeichelte, scheinbar den Äieg davon trug.
„Ich glaube fast, Ghita, wir verstehen uns nicht," gab Raoulzur Antwort. „Ich behaupte keineswegs, mehr zu sehen, als demMenschen überhauptet gestattet ist oder als seine Kräfte zu fassenvermögen; aber dies allein beweist noch nichts, denn ebensohat der Elephant mehr Verstand als das Pferd und dieses wiedermehr als der Fisch. In allen Dingen, die wir unter dem BegriffeNatur zusammenfaffen, ist ein Grundsatz vorherrschend und er ist'S,der diese kreisenden Welten und alle Wunder der Schöpfung geschaf-fen hat. Eines seiner Gesetze aber ist: daß von allen seinen Ge-schöpfen Keines die Geheimnisse des Schaffenden begreifen soll."
„Du darfst Dir unter Deinen Grundsätzen nur einen Geist —ein mit einer Seele begabtes Wesen denken, Raoul, und Du hastden Gott der Christen. Warum also nicht eben so gut an Ihnglauben, wie Du an Deinen sogenannten unbekannten Grundsatz