Druckschrift 
7 (1842) Lionel Lincoln, oder die Belagerung von Boston : eine amerikanische Erzählung aus dem Jahre 1780
Entstehung
Seite
352
Einzelbild herunterladen
 

352

möchten bei dieser ungütigen Witterung und in einer solchen Nachtschwer zu bekommen seyn; wenn aber Seufzer und Thränen alleinausreichen, so ist das arme Boston reich genug an Materialien!"

Lionel und seine halb erröthende, halb lächelnde Gefährtinhörte die verhallenden Töne ihrer Stimme, während sie mit dieserMischung von Scherz und Mißlaune in ein entferntes Zimmer trat,und im nächsten Augenblick war beides Agnes und ihre Stimmungvergessen, da das Brautpaar sich jetzt vor Mrs. Lechmere befand.

Der erste Blick, welchen Major Lincoln ans seine Verwandtewarf, erregte ihm ein peinliches Herzklopfen. Mrs. Lechmere hattesich im Bette aufrichten lassen, und saß nun, von Kiffen gestützt,fast aufrecht in demselben. Ihre runzlichen, abgemagerten Wangenwaren mit einer unnatürlichen Nöthe bedeckt, die zu auffallend mitden Spuren kontrastirte, welche Alter und heftige Leidenschaftenmit unaustöschlichem Finger auf die übriggebliebencn verfallenenUeberreste ihrer Züge eingegraben hatten, die einst durch große, wennauch keineswegs anziehende Schönheit ausgezeichnet gewesen waren.Ihre harten Augen hatten ihren gewöhnlichen Ausdruck weltlicherSorge verloren, und strahlten dafür in einem Glanze, leuchtetenvon Blitzen einer Freude, die nicht länger zurückgedrängt werdenkonnte. Kurz ihre ganze Erscheinung gab Lionel die deutlicheUeberzeugung, daß, wie groß auch immer die Gluth seiner eigenenGefühle bei seiner Verbindung mit ihrer Enkelin gewesen seyn mochte,er zuletzt doch nur die theuersten Wünsche eines so weltlichen, soberechnenden Wesens erfüllt hatte, eines Wesens überdies, das, wieer sich jetzt lebhaft erinnerte, ihm alle Ursache zu dem Glaubengegeben hatte, daß eine vielleicht schwere Schuld auf ihrer Seele laste.Die Kranke schien ein Verbergen ihrer ausgelassenen Freude nichtlänger für nöthig zu halten, denn, die Arme ausstreckend, rief sieihrem Kind mit ungewöhnlich Heller Stimme, welche durch eineArt unheiligen Triumphs noch schneidender und harscher tönte:

Komm' in meine Arme, mein Stolz, meine Hoffnung, meine