Lionel erröthete tief über die arglistige Behauptung des Weibes,daß er die Schwäche ihres Geschlechts und ihre »»beschützte Lagehabe benutzen wollen, und insgeheim über ihre Doppelzüngigkeithöchlich ergrimmt, wurde er vorsichtiger in seiner Sprache und ver-suchte durch Güte und Sanftmuth die gewünschte Mittheilung vonihr zu erhalten. Aber sein Scharfsinn begegnete auf Seiten Abi-gails einer List, welche der seinigen mehr als gewachsen war undsie antwortete blos noch mit Ausdrücken der Verwunderung, wieer ihre Sprache für etwas mehr als die gewöhnliche Anerkennungder Jrrthümer habe halten können, welche überall als gemeinsamerAntheil unsrer sündige» Natur anerkannt seyen. Darin geradebewies das Weib keine hervorragende Eigenheit, denn die größereZahl Solcher, welche in ihren Bekenntnissen und Klagen über dieverderbte Natur unseres Herzens am lautesten schreien, nehmen esin der Regel am empfindlichsten auf, wenn man ihnen besondereVergehungen zuzumuthen wagt. Je ernster und dringender derjunge Mann seine Fragen stellte, desto behutsamer wurde sie, biser zuletzt voll Aerger über ihre Halsstarrigkeit und mit dem ge-heimen Verdacht, sie habe mit ihrem MiethSmanne ein böses Spielgetrieben, in tiefem Verdruße ihr Haus verließ, entschlossen, ihreferneren Schritte genau zu beobachten und wenn der Augenblickgekommen, seinen Angriff so einzurichten, daß er sie nicht alleinzum Bekenntniß bringen, sondern auch Schaam und Reue in ihrHervorrufen könnte.
Von diesem augenblicklichen Aerger angetrieben und unfähig,den schlimmen Verdacht, der sich gegen seine Tante in ihm regte,zu unterdrücken, beschloß der junge Mann, diesen nämlichen Morgennoch ihr Haus, das er bis jetzt als Gast bewohnt hatte, zu ver-lassen. Wenn MrS. Lechmere überhaupt wußte, daß Lionel Zeugeihrer Unterredung mit Ralph gewesen war, so konnte sie die Nach-richt davon nur durch Abigail erhalten haben; jedenfalls war ihrEmpfang beim Frühstück von der Art, daß auch nicht das Geringste