105
daß ich ungern von dem bezaubernden Mädchen, welches sich an-inuthig über den Ellenbogen ihres Vaters beugte, als dieserdie Inschrift auf einer Elfenb cinplatte meines Instrumentes las,für einen bloßen alltäglichen Straßenmusikanten gehalten seyn wollte,der seinen Affen zu Hause gelassen hat. Ich konnte sehen, daßMarie unter der ihrem Geschlecht so natürlichen Empfindsamkeitein wenig zurückwich und zu weit gegangen zu seyn glaubte, indemsie sich so ungezwungen in der Anwesenheit eines jungen Menschenbenahm, der ihrer eigenen Klasse näher stand, als sie dies bei ei-nem Leierkastenspieler für möglich gehalten hätte. Sie erröthete;aber der Blick des sanften blauen Auges, welcher schnell darauffolgte, schien alles wieder zu bereinigen, und sie lehnte sich aber-mals über den Ellenbogen ihres Vaters.
„Ihr versteht also lateinisch?" fragte der Vater, mich überseiner Brille weg musternd.
„Ein wenig, ein klein wenig, Sir; in meinem Lande mußjeder eine Zeit lang Soldat seyn, und wer etwas lateinisch versteht,kann Sergeant und Korporal werden."
„Das wäre in Preußen?"
„Ja, in Preußen, wo kürzlich noch der gute König Wilhelmregierte."
„Und wird die lateinische Sprache viel unter euch gepflegt?Ich habe gehört, daß in Ungarn die meisten gut unterrichteten Per-sonen sie sogar reden."
„In Tscharmany ist es nicht so. Wir alle lernen Etwas, abernicht Alle lernen Alles."
Nachdem ich mich dieser Anficht mit, wie ich meinte, vollkom-men richtiger Unrichtigkeit entledigt hatte, konnte ich bemerken, wieein Lächeln die süßen Lippen des lieblichen Mädchens umzuckte; esgelang ihr übrigens, dasselbe zu unterdrücken, obschon ihre schel-mischen Augen während des ganzen Gesprächs zu lachen fortfuhren.
„Ich weiß Wohl, daß in Preußen die Schulen sehr gut sind