106
und daß eure Regierung für die Bedürfnisse Aller Sorge trägt/'entgegncte der Geistliche. „Indeß kaun ich meine Verwunderungnicht bergen, daß Ihr etwas vom Lateinisch verlieht. Sogar in die-sem Lande, wo man sich so viel einbildet —"
„Ja" unterbrach ich ihn in gedehntem Tone, — „man bildetsich gar viel ein in diesem Lande."
Marie lachte jetzt hell auf — ob über meine Worte oderüber die etwas komische Weise, die ich angenommen hatte, als ichmeine Einfalt mit etwas Ironie würzte, weiß ich nicht zu sagen.Jedenfalls erfaßte der Vater den Spott nicht, und nachdem er höf-lich gewartet hatte, bis ich mit meiner Unterbrechung fertig war,fuhr er in seiner Rede wieder fort.
„Ich wollte beifügen," nahm der Geistliche wieder auf, „daßsogar in diesem Lande, wo man sich so viel einbildet" — der kleineSchelm von Tochter fuhr mit der Hand über ihre Augen »nd errü-thete bis zur Stirne unter der Anstrengung, mit der sie ein aber-maliges Lachen zu unterdrücken bemüht war, — „auf die gewöhn-lichen Schulen und auf den Einfluß, den sie auf den öffentlichenGeist üben, sich nicht häufig Personen Eures Standes finden lassen,welche etwas von den todten Sprache wissen."
„Ja," versetzte ich, „mein Stand ists eben, der Euch irre führt,Sir. Mein Vater war ein Schentleman, und er gab mir eine sogute Erziehung, wie der König dem Kronprinzen."
Mein Wunsch, in Mariens Augen mich gut auszunehmen, ver-lockte mich abermals zu einer albernen Nnklngheit. Wie sollte ichden Umstand erklären, daß der Sohn eines preußischen Gentleman,der von seinem Vater eine Erziehung genossen hatte, wie sie derKönig von Preußen dem Thronfolger ertheilen ließ, i» den Straßenvon Trotz mit einem Leierkasten herum zog? Dies war eineSchwierigkeit, welche ich im Augenblick nicht bedachte. Aber dieVorstellung, von jenem holden Mädchen als ein bloßer ungehobelterBauer betrachtet zu werden, war mir unerträglich, und ich entschlug