Druckschrift 
20 (1845) Die Heidenmauer : eine Rheinsage
Entstehung
Seite
132
Einzelbild herunterladen
 

132

der im buchstäblichen Sinne nur ein Diener des BolkS ist, kannsich doch nie, wie auch sein Charakter beschaffen sepn mag, überseine Gebieter erheben, und obschon man das Verlangen nach Aus-zeichnung als einen ehrenhaften und löblichen Ehrgeiz bezeichnen muß,so brauchen wir doch blos einen Blick auf die Institutionen selbstzu werfen, um uns zu überzeugen, daß hierin, wie in den meistenanderweitigen Verhältnissen keine sonderliche Ähnlichkeit zwischenuns und den europäischen Nationen stattfindet. Die Bemerkungentsprang wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, daß man un-ter uns Achtung vor obrigkeitlichem Ansehen fand und nicht aufdie Anarchie traf, die man erwartete oder möglicher Weise auchwünschte.

Bei dem Hochamte zu Limburg bot man mehr Umstände auf,um dem Vorstand des nächsten Dorfs seinen Platz in der Kircheanzuweisen, als bei uns, wenn das Haupt der amerikanischen Re-publik in sein Amt eingesetzt wird; auch trug ein Angehörigerdes Klosters gebührend Sorge dafür, daß sich Niemand dem Altäredes Herrn der Welt näherte, ohne daß demselben die Achtungbezeugt wurde, die er kraft seines zeitlichen Ranges anzuspre-chen hatte. Hier, wo alle in dem Tempel erscheinen, wie sie eseinst in den Gräbern müssen gleich abhängig von dem göttli-chen Beistände, wie gleich an Gebrechlichkeit, läßt sich am wenig-sten die kühne Sophistik begreifen, welche Reue und Demuthmit der Zunge lehrt, in der Wirklichkeit aber dem Stolze und derAnmaßung Vorschub leistet eine Sophistik, die, wenn man ihrGründe für ein solches Benehmen abfordert, die Beschuldigung derInkonsequenz mit dem Gegenvorwurfe des Neides erwiedert!

Schon bei dem Erscheinen einiger Dürkheimer Rathsherrnfand eine gebührende Schaustellung von Förmlichkeiten Statt; dieauSzeichnendsten Achtungsbeweise blieben jedoch einem Bürger Vor-behalten, der nicht eher durch das Portal einlrat, als bis sich dasVolk bereits im Innern der Kirche gesammelt hatte. Dieser, ein