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Wie rein übrigens auch ein gesellschaftliches System ober eineReligion im Beginne ihrer Macht seyn mag, so verlockt doch derBesitz eines unbestrittenen Uebergewichts stets in gleicher Weise zuAbschweifungen, welche für ihren Fortbestand wie für die Sacheder Wahrheit und Gerechtigkeit verhängnißvoll werden. Dies istdie Folge einer unabhängigen llebung des freien Willens und siescheint sich von der menschlichen Gebrechlichkeit nicht trennen zukaffen. Wir setzen allmählig an die Stelle deS Rechts unsere Nei-gungen und die Gebote der Selbstsucht, bis zuletzt alle sittlichenGrundlagen untergraben sind, und was man früher mit dem Wi-derwillen betrachtete, welchen das Unrecht stets in dem Reinen weckt,wird am Ende nicht nur eine Sache der Gewohnheit, sondern scheintuns sogar durch die Zweckmäßigkeit und den Nutzen gerechtfertigtzu werden. Es gibt kein sichreres Zeichen von dem Verfalle derGrundsätze, welche erforderlich sind, um sogar unsere unvollkommeneHöhe von Tugend festzuhalten, als wenn man den Vorwand derNothwendigkeit gellend macht, um eine Abweichung von ihren ur-sprünglichen Geboten zn rechtfertigen; denn man ruft damit dasEdle zur Unterstützung der Leidenschaften auf und geht so einenBund ein, welcher selten versäumt, die mürben Bollwerke einerwankenden Moral vollends in den Staub zu malmen.
ES ist somit kein Wunder, wenn die Welt in einer Periode, inwelcher sich sogar die Kirchendiener wider Willen genöthigt sahen,gegen die religiösen Mißbräuche im Ungehorsam Schütz zu suchen —dreiste Beispiele maßloser Ausschweifungen zu Tage forderte. Krie-gerischer Ehrgeiz, Bestechlichkeit, Gemächlichkeitsliebe und sogarverschwenderische Schlemmerei suchten in gleicher Weise ihre Zweckedurch den Mantel der Religio» zu verhüllen. Wenn der sorgloseRitter bereit war, sein Schwerdt in das Blut der Ungläubigenzu tauchen, um als ein Held des Kreuzes in der Achtung derMenschen zu leben, so schloß sich auch der Pflastertreter, derSchlemmer und sogar der Witzling der großen Städte einerDle Heidcnmauer. 6