28
ist gewiß, obschon es lieblos fest» würde, im Allgemeinen bezweifelnzu wollen, daß die Quelle einer so seltsamen Handlungsweise ineinem ehrlichen, wiewohl mißverstandenen Eifer lag. Noch jetzttrifft man in den südlicheren Theilen Europas nicht selten Einsiede-leien, obschon sie in Deutschland nur selten Vorkommen; aber vorder Reformation des sechszehnten Jahrhunderts, folglich auch um diePeriode unserer Erzählung, gaben sich die Abkömmlinge der nördlichenMenschenrace vielleicht weit öfter der Einsamkeit in einer Wildniß hin,als die Südländer mit ihrer glühenderen Einbildungskraft. Es ist einNaturgesetz, daß Körper, welche leicht Eindrücke aufnehmen, dieselbenebenso leicht wieder verwischen lassen, und es mag wohl für dieunabläßigen Selbstpeinigungen des AnachoretenlebenS eine Beharr-lichkeit und Strenge erforderlich sepn, die sich weit seliener unterden flüchtigen und glücklichen Kindern heißer Sonnen, als unterden ernsteren Sprößlingen von Himmelsstrichen fand, wo Frost undStürme herrschen.
Was sich auch immer theoretisch über einen Menschen sagenlassen mag, der in solcher Weise zu Gottes Ehre die weltlicheGemächlichkeit aufgab, so läßt sich doch keinesfalls verkennen, daßin der Wirklichkeit eine derartige Lebensweise schon hienieden einewohlthuende Befriedigung in sich führte, die für kränkelnde Gemüther,namentlich aber für solche, in welchen der Saame des Ehrgeizes nurim Schlummer lag, nicht aber erloschen war, viel Reiz bot. Inder That kam es nur selten vor, daß sich eine Einsiedelei in derNähe eines einfachen gläubigen VölkleinS aufthat, und nur Wenigesuchten eine völlige Abgeschiedenheit, ohne einen reichen Zoll anVerehrung von Seiten ungebildeter Bewunderer und ein bedeuten-des moralisches Nebergewicht über dieselben zu gewinnen. Aufso hinterlistige Weise belagert uns die Eitelkeit innerhalb derBollwerke, welche wir für die sichersten halten, und wer die Weltaufgegeben hat, um mit ihr auch jene Leidenschaften abzustreifen,durch die er seine Hoffnungen gefährdet sieht, muß nun mit einem-