165
Seite angegriffen, und da er gar nicht zweifelte, daß sie seinVerschriebenes annehmen werde, ging er selbst an's Werk, um dieMedicin ohne allen Verzug zu bereiten. Als er ihr den Trankanbot, wurde dieser zwar mit einer verdrießlichen, abstoßenden Mieneangenommen, aber so im Umsehen hinnntergeschluckt, daß es sichgenugsam erwies, wie sehr die Patientin danach verlangt habe.Das Weib murmelte ihren Dank, und ihr Arzt setzte sich schweigendnieder, um die Wirkung seiner Dosts zu betrachten. In wenigerals einer halben Stunde wurde Esthers Athemholen immer tiefer,und, wie der Doktor selbst es genannt haben möchte, so sehr abstrakt,daß, hätte er nicht gewußt, wie natürlich es sei, diesen Anfall vonSchläfrigkeit der mächtigen Dosis Opium zuzuschreiben, womit erden Branntwein versetzt hatte, er am Ende in sein eigenes ReceptMißtrauen hätte setzen müssen. Mit dem Schlafe dieser sonst sowachen Frau wurde die tiefe Stille ringsum ganz allgemein.
Da hielt es Doktor Battins für gelegene Zeit, sich zu erheben,und, mit der Stille und Vorsicht eines nächtlichen Räubers, sichaus seiner Kammer — oder besser gesprochen, seinem Loche, denneinen bessern Namen verdiente es nicht — hinaus, nach den Lager-stätten nebenbei hinzustehlcn. Hier nahm er sich Zeit, um sich zuversichern, daß alle seine Nachbarn in tiefem Schlafe begrabenlagen. Davon versichert, zauderte er nun nicht länger, sondernmachte sich auf den halsbrechenden Weg nach der höhern Felsen-platte. So vorsichtig er ging, geschah es doch nicht ohne Ge-räusch. Während er sich schon Glück wünschte, seine Absicht voll-kommen ansgeführt zu haben, und den Fuß bereits oben auf denhöchsten Rand setzen wollte, faßte ihn ganz unerwartet eine Handan seinem Rockzipfel, was so mit Eineinmale allem Fortschreitenein Ende machte, als hätte ihn Jsmaels gigantische Kraft selbstan die Erde gefesselt.
«Ist im Zelte Jemand krank," lispelte ihm eine sanfte Stimmein's Ohr, „daß Doktor Battins zu dieser Stunde gerufen wird?"