IS*
27(i
T h ea t c 1‘.
„Es ist wohl das Höchste, was unsere Kunst über-haupt vermag. Und die richtet sich nicht den Dichterher, sondern sie gibt sich der Dichtung hin. In jederRolle ist sie völlig neu und anders.“
„Aber sie hat doch auch manche Sachen . . .“„Gewiss . . . das Schlenkern mit den Armen, dasWühlen hinten im Haar . . . mein Gott, Keiner kannaus seiner Haut!“
„Ich meine noch mehr. Sie hat Sachen, die manan jeder Anderen naturalistische Unarten nennenwürde . . .“
„Zum Beispiel?“
„Mit dem Rücken zum Publikum spielen; dieundeutliche Rede; die schöne Pose vermeiden und sogargeflissentlich die hässliche begünstigen . . .“
„Mein lieber Freund, ich bestreite das! Sie ver-meidet nicht die schöne Pose, sie begünstigt diehässliche Pose nicht, sie denkt überhaupt gar nichtan die Pose, sondern Alles ergibt sich ungesucht, ohneZwang und Absicht, ganz von selbst, aus ihrem starkenGefühle der Situation. Nichts suchen, Alles finden —das ist das Geheimniss der echten Kunst. Wie Einerdenkt, etwas zu „machen“, in der Situation selbstirgend eine Vorschrift denkt, derob es nun eine idealistische oderVorschrift ist.“
„Sie sind also eigentlich für keinen der Stile,zwischen welchen heute gestritten wird?“
„Ja — oder auch, wenn Sie wollen: ich bin füralle — wie es gerade meine Rolle braucht.“
„Sie fügen sich durchaus der Dichtung?“
„So viel ich es nur irgendwie vermag. Ich suchesie so intensiv zu fühlen, bis sie am Ende über michkommt, alles Andere verdrängt und mich völlig ver-wandelt. Zuerst muss ich die Rolle sehen, die Züge,die äussere Gestalt, die Geberden meiner Figur. Oft
an
ist schon verloren,eine naturalistische