Ich habe nun auch meine kleine Bosheit. Ich sageihm, warum ich eigentlich komme. Er erschrickt.Er sieht mich an, wie einen Zahnarzt. Er denkt:man kann wirklich auf der ganzen Erde Niemandemmehr trauen — und dabei habe ich doch dem Menschennie etwas gethan! Aber er zwingt seinen Schmerz undfasst sich männlich. Und ich lese deutlich auf seinerentschlossenen Miene den starren Vorsatz, allen Fragenzu entweichen.
Ich denke mir: Warte nur, du heisst doch an!Du bist ja ein Künstler! Du hältst es ja nicht fünfMinuten aus, dass über deine Kunst geredet wird, unddu sollst schweigen. So sage ich denn allerhand, dasihn etwa reizen möchte, und wir sitzen uns eine Weilegegenüber, wie ein geduldiger Fischer, den die Angelnicht ermüdet, und ein kluger Hecht, der sich nichtrührt. Aber endlich hält, er sich nicht länger und musslachen und vergisst den Vorsatz und bricht los und —zAvei wunderbare Stunden hat er mir dann erzählt.
„Ah, Naturalismus! Es kommt nur darauf an, wasman unter Naturalismus versteht. Schröder und Iffland— wenn Sie wollen — sind auch Naturalisten gewesen.Wenn es heissen soll, dass der Schauspieler die Wahrheitsucht, die höchste irgendwie erdenkliche und überhaupterreichbare Wahrheit —“
„Als das einzige und ausschliessliche Gesetz derKunst, wohl verstanden —“
„Bitte — wir sprechen nicht von der Kunst über-haupt, wir sprechen jetzt nur von meiner Kunst, vonder Kunst der Bühne. Da fragt es sich aber zunächstgar nicht, was ich will, sondern was der Dichter will.Das ist mein Gesetz. Nicht meiner eigenen Laune,sondern seiner Absicht muss ich gehorchen. DemDichter und der Dichtung habe ich zu dienen.“
„Ist das so ohne jeden Zweifel, dass die Dichtungder Zweck und der Schauspieler das Mittel ist? Ich