Bildende Kunst in Oesterreich.
223.
Von dieser Kritik hat der Künstler nur Hindernissund Aerger. Er kann aus ihr nicht lernen undbefördert werden. Dazu müsste sie sich entschlossen,was ihr versagt ist: mit seinen Gedanken zu denken,mit seinen Sinnen zu erleben, mit seinen Wünschen zugestalten, intensiver, logischer, bewusster als er selbst,und ihn so gleichsam aus seinem eigenen Gemiithe,das nur in ihr erst deutlich und mit der ruhigen Ein-sicht aller Mittel gerüstet würde, zu entscheiden.Dann müsste sie freilich, um nicht bloss den Einzelnenerziehlich zu sich zu bringen, sondern auch seinen Platzim Ganzen zu bestimmen, jeden mit den anderen ver-gleichen, an den Bedürfnissen der Laien messen undaus ihren schwanken Wünschen und noch verhohlenenInstincten die Triebe der Entwicklung suchen. Daswäre dann, nach der individuell-pädagogischen, auchnoch eine social-prophetische Kritik.
Ich denke mir ihr Verfahren sehr einfach. Esist irgendwo eine Ausstellung von fünf, sechs, hundert,zweihundert Künstlern. Sie nimmt die Bilder vor undsucht, was jedes will, und bestimmt an der Absichtdes Künstlers Tadel und Rath; die eigenen Wünschedarf sie nicht hören. Sie fragt nicht, ob es ihr gefällt,sondern ob es im Sinne dieses Malers und als Ausdruckseiner Natur taugt; ja, sie muss sogar, was ihr gefällt,ungescheut tadeln, wenn es nicht aus seiner Naturkommt, sondern von der Fremde eingeführt ist. Sieuntersucht: was will der Künstler? Wie viel davonkann er schon und Avas fehlt ihm noch, um sich ohneRest auszudrücken, mitzutheilen? So findet sie ausden Verhältnissen von Absicht und Erfolg die Wertlie.Dann erst Averden die Absichten selber geprüft undihre Geltung an den Bedürfnissen der Zeit erwogen.Es wird in den anderen Künsten und in der Wissen-schaft gefragt, Avohin der Geist treibt und wie künftigder Geschmack sich Avohl entAvickeln möchte. Wer