Druckschrift 
Studien zur Kritik der Moderne
Seite
218
Einzelbild herunterladen
 

Der Wiener Kunst fehlt die Kritik. Das ist einhartes Wort, und ein Fremder möchte es kaum glauben,aber es lässt sich aus tausend Beispielen beweisen.Man gehe nur bei den Künstlern herum und frage,wer kritische Förderung und Hilfe erfahren hat; manwird da nette Dinge hören, in viel heftigeren undderberen Klagen, als ich mir je erlauben würde, dergern das Persönliche vermeiden und nur in derSache, wenn es geht, ändern, bessern und bekehrenmöchte.

Ich lasse darum auch, was die Künstler immerzuerst und mit Leidenschaft verhandeln, das Themavon der bestechlichen Kritik. Dass ein Kritiker seinUrtheil nach der Zeile für Cigarren oder auch, wennes einem bequemer ist, für baares Geld verkauft, istgewiss nicht schön. Aber es beweist nichts gegen dieanständige Kritik, neben der überall Erpresser sind,wenn sie sich auch freilich anderswo wenigstens nichtin die erste Reihe drängen.

Ich will vielmehr nur von der anständigen Kritiksprechen, die es ehrlich meint und ernst nimmt unddoch ihren Zweck verfehlt. Ich will suchen, was sieum allen Erfolg bringt und verdirbt. Und ich willsagen, wie ich mir denke, dass ihr geholfen werdenkönnte.

Was muss denn der Künstler von der Kritik ver-langen '?

Nehmen wir an Ich habe einen Freund, der malt.Ein neues Bild ist fertig, und er ruft mich. Ich sollmeine Meinung sagen. Ich komme und schaue. Esist ein Kellner aus unserem Cafe, den er gemalt hat.Ich kann mir aber nicht helfen: die zierlichen Marquisendes Watteau, das rosige Fleisch verliebter Schäferinnenvon Boucher und die verschämte, sanfte Bürgerlichkeitdes Greuze sind mir lieber. Ich schwärme für dasRococo. Was soll mir das tägliche Leben auch noch in der