Druckschrift 
Studien zur Kritik der Moderne
Seite
205
Einzelbild herunterladen
 

Bildende Kunst in Oesterreich.

205

wenn es nur, auch gegen die Wünsche der Händler,ein aufrichtiges und künstlerisch sittliches Werk ist,wird es ja doch vom Staate gekauft. Er kann freiund unbekümmert schaffen.

Das fehlt uns. Es fehlt uns jede Schule des Ge-schmackes für die Laien, die von selber immer einMarkt für die Künstler werden muss. Es fehlt dieErziehung zur Kunst. Man muss nur in die Provinzgehen und sich so einen Abiturienten ansehen vonLinz oder von Marburg! Er hat eine ganze Mengegelernt. Er ist sieben Stunden täglich zwischen denBüchern gehockt, acht lange Jahre. Er kennt dieheimlichsten Kniffe- jeder Wissenschaft. Er hat auchgelernt, wann Rafael geboren und gestorben ist, ganzgenau, und die sämmtlichen Titel seiner Bilder, undweiss aufs Wort, was Herr Gindely von Rubens undVelasquez hält. Aber er hat sein ganzes Leben nochkein rechtes Bild gesehen. Er hat höchstens zur Notliein bisschen gezeichnet, dass er sich vielleicht gewöhnt,Formen zu fassen. Aber nichts hat ihn erzogen, Farbenzu schauen-. Und dann wundert man sich, wenn erohne Sinn für die Malerei ist! Dann wundert man sich,wenn er später als Mann einmal vor ein Bild tritt,dass er so lächerlich rathlos gafft und schwätzt, wasihm gerade das letzte Feuilleton seiner Zeitung soufflirt!

Die Wiener haben freilich eine Galerie, eine derschönsten in Europa. Aber erziehlich kann auch sienicht wirken. Sie gehört dem Kaiser, nicht dem Staate.Sie ist privater, kein öffentlicher Besitz. Darum er-wirbt sie nach persönlichen Wünschen, nicht nachkünstlerischen Gründen. Es ist viel Glanz und ewigeHerrlichkeit in ihr. Aber die Entwicklung der letztenhundert Jahre kann man aus ihr nicht lernen, dieheimische nicht und nicht die fremde.

Wir brauchen, um den Malern empfängliche Laienzu erziehen, eine staatliche Galerie der neuen Kunst