r\
«SG
L i 11 e r a t u r.
ich öffentlich seine Verse las, Hofräthe sich schamhaftentrüsten gesehen, die mit Mühe später durch saftigeAnekdoten wieder zu versöhnen waren. Aber wenn erbisweilen von unreinen Dingen spricht, geschieht es dochimmer in reiner Rede, vielleicht weniger aus Tugend,als aus Erzogenheit, aus Eleganz, aus Geschmack, derdenn überhaupt seine vernehmlichste Gabe ist. Erwird nicht krass, wird nicht brutal, und die Grenzender guten Gesellschaft sind immer gewahrt. Erbrauchte sich nicht erst „auszutoben“-, es gab keinePeriode der „Räuber“, sondern der Jüngling beganngleich wie ein Mann, der sich gehändigt, geklärt undin der Gewalt hat. So hat er vielleicht die perversesteNatur, aber er hat sich erlich die reinlichsten Werk eunter den Genossen.
Schöne Dinge, die funkeln, sind seine Leidenschaft.Schmale weisse Hände, die prunkenden Betten derBorgia und der Vendramin, Sänften, Fächer und Pokale,Reiher, Silberfische, Oleander, die vollen Farben unddie breiten Klänge der Renaissance kommen immerwieder. Man möchte ihn unter jene trunkenen Apostelder Schönheit stellen, wie die englischen Prärafaeliten,die französischen Symboli sten, die vor der rauhe n undgemeinen Oede des täglichen Lebens in blühendeTräume der Vergangenheit entlaufen. Aber er lieht es,mit dem Naturalismus zu kokettifen, und neulich hater diese naturalistische Formel der Kunst geschrieben:„denn wie das rebellische Volk der grossen Stadt hinaus-strömte auf den heiligen Berg, lo liefen unsere Schön-heits- und Glücksgedanken in Schaaren fort von uns,fort aus dem Alltag, und schlugen auf dem dämmerndenBerg der Vergangenheit ihr prächtiges Lager. Aberder grosse Dichter, auf den wir Alle warten, heisstMenenius Agrippa und ist ein weltkluger, grosser Herr:der wird mit wundervollen Rattentängerfabeln, purpurnenTragödien, Spiegeln, aus denen der Weltlauf gewaltig,