Druckschrift 
Studien zur Kritik der Moderne
Seite
85
Einzelbild herunterladen
 

Das junge Oesterreich.

85

Chor. Aber an den Versen wieder merkt man denkritischen Philosophen: sie sind mit quälenden Gedanken,moralischen Fragen und athemlosen Zweifeln derBildung ängstlich beladen, dass man ihnen lieber diefreiere Gelassenheit ungebundener Aphorismen wünschenmöchte. So ist in ihm ein unerschöpflicher Gesang,der, wie er geflissentlich auch trockene, nüchterne,steife Themen des Verstandes wähle, nicht verstummenmag, dass ich für ihn immer an das Wort des AnatoleFrance über Banville denken muss, dender liebeGott in seiner Güte mit der Seele einer Nachtigallschuf. Aber es ist auch eine unermüdliche Dialektikin ihm, die mit kritischen Reflexionen die schöne Vogel-freude der Reime und Rhythmen immer wieder verstört.

Sein Stil trifft und er trifft ohne Mühe. Dasnervöse Suchen, das Tasten mit unzulänglichen Ver-gleichen, die Qual um das fliehende Wort, das denrechten Gedanken, die letzte Note der Stimmungnicht geben will, sind ihm fremd. Er hat die Gnadeder zeichnenden, malenden Form. So möchte manseine fröhliche Gesundheit rühmen, die sonst heute dergepeinigten Jugend fehlt. Aber die lauschende Empfind-lichkeit, das helle Gesicht und Gehör seiner Nerven fürdie leisesten Reize ist von einer unheimlichen Feinheit,und aus seinen seltsam erregten Sätzen kommt es, ohnedass man vor sich diese Empfindung zu rechtfertigenwüsste, immer wie der kranke Hauch aus den fieber-schwülen Kissen einer schmerzlichen und blassen Frau.

Das erste, was er schrieb, war eine Studie überdi & Physiologie de Vamour des Bourget, dieses müdeTestament der erotischen Verzweiflung. Eine Studieüber dieMutter folgte. Das waren für seine sieb-zehn Jahre wunderliche Stoffe, und auch in seinenGedichten sind Züge eines reifen, traurigen Cynismus.So konnte er in den Ruf eines vor der Zeit erfahrenen,ja verdorbenen Jünglings kommen, und ich habe, als