Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 12 (1821) Früchte aus den sogenannt goldnen Zeiten des achtzehnten Jahrkunderts
Entstehung
Seite
87
Einzelbild herunterladen
 

goldnen Zeiten.

87

Ich zweifle. Heissen wir den Wolf, den Tiger derFabel nach Umständen nicht eben so inniger, weiler uns die ganze Gattung auch der Menschen-wölfe und Tiger unverlarvt, in ihren Gesinnun-gen, Entschlüssen und Thaten charakteristischdarstellt? Bemitleiden wir nicht das unschuldig-un-glückliche Lamm um so mehr, da wir in ihm eineganze Gattung gleich Unschuldiger dem Rachen desWolfs, den Zahnen des Tigers hüls- und rettungs-los hingegeben sehen? Und wer nähme in sittli-chen Fabeln an der muntern Lerche, der liebendenNachtigall, der treuen Turteltaube u. f. nicht für alleCharaktere ihrer Art herzlichen Anthcil? Um somehr Antheil, da die Fabel in die Kinderwelt ge-höret und wir bey ihr in die Empfindungen der Kind-heit zurücktrcten. Nirgend fast sonst erscheinen dieCharaktere lebendiger Wesen Hassens - und liedens-werlher, als in der Fabel, eben weil sie diese Cha-raktere rein darstellt. Haß und Liebe in ihr wer-^den Leidenschaften des Beistandes; so riefgewurzelt,so allgemein und daurend, als diese Typen derNatur selbst sind. Die Hyäne der Fabel hassenwir über und für alle Hyänen; die mütterlicheNachtigall lieben wir als Urbild aller Mutter?liebe.

Da nach dieser Theorie die Fabel einen so tie-fen Grund, einen so reinen Umriß bekommt; wievieles schneidet dieser Umriß weg, das, wenn manes genau prüfet, die Fabel eben verächtlich gemachthat! Er schneidet ab