63 Herders Gedichte.
Daß deine schönsten Früchte du mit GiftAnhauchtest statt des süßen Wohlgeruchs;Entzweiete dich mit dir selbst und schufZur Truggestalt dich dir, die außenhcrDu suchetest und liebtest, und nur sieBegehrend, Dich, Dich in dir selbst vcrlohrst.
Betrogener Narcissns, bist denn Du,
Was du im Quell anlächelst? SehnsuchtvollIn allen Spiegeln suchst? dem Echo selbstAbzwingest? Ist dein Schatte mehr als du ?
Und wunderst du dich, der vom ärgsten Eist,Dem eignen ausgehauchten Athem lebt,
Wenn er von andrer Munde wiederkehrt, —
Du wunderst dich, daß du zum Schatten wirst.Zum trocknen Quell, zum Grabe deiner selbst,Zur Puppe; spieltest du mit dir nicht stets?
Wer sich verlor, was hakt' er ohne Sich?Was in dem Herzen andrer von Uns lebt,
Ist unser wahresteS und tiefstes Selbst.
Was mit der weiten Welt uns einet, wasUns innrcn Frieden schafft im Sturm der Zeit,Uns Frevel übersehn, vergessen lehrt,
Und mild' erkläret, wie dann und woherDer Thor ein Thor sep? ist ein großes Selbst.
Was ungereizt von außen unser HerzAufregt und hoch erhebt; es spannet unsDie Flügel weit und hält sie, daß im SturmSie über Lüsten wie im Neste ruhn,