Erstes Buch.
121
(Aus Lebensläufe nach aufsteigcnderLinie, i. Th. S. 72. 74 -)
„Die Letten haben einen unüberwindlichen Hangzur Poesie, und meine Mutter bestritt nicht, daßdie lettische Sprache schon halb Poesie wäre. Sieklingt, sagte sie, wie ein Ti schglöckchen; diedeutsche aber wie eine Ki r che n g l 0 ck e. Sie konntenicht leugnen, daß die gemeinsten Letten, wennsie froh sind, weissagen oder in Versen reden."
Es sind viele, welche behaupten, die Lettenhatten noch Spuren von Heldenliedern, allein die-sen vielen widerspricht mein Vater: „Das Genieder Sprache, das Genie der Nation ist ein Scha-fergenic. Wenn sie gekrönt werden sollen, ists einHeu- oder höchstens ein Kornkranz, der ihnen zu-stehet. Ich glaube, Helden gehören in Norden zuHause, wo man harter ist, und fast täglich widerdas Klima kämpfen muß; die Letten könnten alsohiezu Anlage haben, wo ist aber ein Zug davon?— Würden sic wohl sepn und bleiben was sie sind,wenn nur wenigstens Boden zur Freiheit und zum' Ruhm in ihnen wäre? Zn Curland ist Freiheitund Sklaverei zu Hause." —
Mein Vater war eben kein großer lettischerSprachkünstler; wer aber Eine Sprache in ihrerganzen Lange und Breite verstehet, kann über asteRecht sprechen. Er versicherte nie Fußstapfen vonHeldenliedern aufgefundcn zu haben, wohl aber Be-weise , daß schon ihre weitesten Vorfahren gesungen