Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 8 (1821) Stimmen der Völker in Liedern
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen
 

lind die Lieder der alten Völker. 27

Erkennet ein Dichter, daß die Seelcnkräste, diethcils sein Gegenstand und seine Dichtungsart sodcrt,und die Key ihm herrschend sind, verstellendeerkennende Kräfte sind: so muß er seinen Ge-genstand und den Inhalt seines Gedichts in Gedan-ken so überlegen, so deutlich und klar fassen, wen-den, und ordnen, daß ihm gleichsam alle Letternschon in die Seele gegraben sind, und er gicbt a-nseinem Gedichte nur den ganzen, redlichen Abdruck.Fordert sein Gedicht aber Ausströmung derLeidenschaft und der Empfindung, oderist in seiner Seele diese Klasse von Kräften die wirk-samste , die geläufigste Triebfeder, ohne die er nichtarbeiten kann : so überlaßt er sich dem Feuer der glück-lichen Stunde, und schreibt und bezaubert. Im erstenFalle haben Milton, Haller, Kleist undandre gedichtet: sie sannen lang, ohne zu schreiben:sprachen sie aber, so wards und stand. Bey M i l-ton wenige Verse, die er Nachte durchs gleichsamals mosaische Arbeit in seiner Seele gebildet hatte,und frühe dann seiner Schreiberin sagte; Haller,dessen Gedichten man's genug ansieht, wie ausge-dacht und zusammen gedrängt sie sind: Lcssingist , glaub'.ich, in seinen spatern Stücken der Dicht-kunst auch in dieser Zahl; alle, so lebendig, undin der Seele ganz vollendete Stücke nehmen sich,wenn nicht durch ein Schnelles, so durch ein Tiefesund Beständiges des Eindrucks aus. Sic dauren,und die Seele findet bei) jedem neuen wiederholtenEindruck gleichsam noch etwas TieferS und Vollen-detes, was sic anfangs nicht bemerkte. Von derzwcytcn Art muß Klop stock in den ausströmcnd-stcn Stellen seiner Gedichte scpn: Gleim, dessen