Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 9 (1821) Blumenlese aus morgenländlichen Dichtern
Entstehung
Seite
311
Einzelbild herunterladen
 

morgenländischer Erzählungen. 3rr

sich so sein zu bezähmen, als seine Einbildungskraft,die beweglichste und zugleich die gefährlichste allermenschlichen Gemüthsgaben. Tausend Nebel des Le-bens, die uns in später» Jahren verfolgen, ja diewir m t uns in unsrer Brust umbertragcn, entspran-gen daher, daß wir in der Jugend unsre Phantasieverwohnten, daß wir uns Lustgestalten schufen, diefür dieses Leben keinen Bestand haben, weil wir sieübel zusammensetzten. Viele Jahre gehören nachherdazu, uns von dem süßen Truge vielleicht bitter zuentwöhnen, und manche Menschen bleiben bis aufden letzten Tag ihres Lebens Mit sich selbst und mitandern gequälte und betrcgne Kinder. Worauf sol-len wir also" unsre >ugendliche Einbildungskraft rich-ten, damit sie ihres Ziels nicht verfehle und in dergehörigen Laufbahn bleibe? Jedermann sagt: aufBeyspiele des Guten und Edlen; alleinwo sind diese? Wären sie im gemeinen Leben voruns, waren sie auf allen Straßen, in allen Hand-lungen und Geschäften so zahlreich, daß wir nichtanders als sie überall sehen und ihnen gleichförmighandeln müßten; so lebten wir srevlich in einer wah-ren Tugcndschule: denn nichts wirkt, auch ohne daßwir es gewahr werden, auf unser jugendliches Ge-müth mehr, als das Bepspiel derer, mit denen wirleben. Drepmal glücklich ist die aufblühcnde Seele,der, als sie noch Knospe war, der Himmel eine soschöne Stelle verlieh! Vorbilder des Gute» undEdlen standen um den aufmerksamen Jüngling unddrückten sich mit der liebevollen Gewalt der Tugendso sanft und zugleich so mächtig in sein Herz, daßer, ohne cs zu wissen, ihnen gleichförmig handelnlernte, und auch so handeln wird, wenn ihre körper-