VI. Ueber ein morgenlandisches Drama. 25 g
Den Griechen war, wie bekannt, Ein Theater-stück gewöhnlich zu kurz: sie spielten mehrere nacheinander. Den Römern war die griechische Komödiezu einfach; ihre Theaterdichter, die von den Griechenborgten, mußten also aus mehreren Stücken ein Gan-zes zusammenhesten. Alle europäischen Nationen end-lich brachten, ihrer Natur gemäß, Begebenheitenganz ohne griechischen Zuschnitt auf die Bühne, undgeriethen sogar, wenn sie an Aristoteles dachten oderdie Griechen nachahmen wollten, größtentheils aufseltsame Mißverständnisse, Scheinabfindungcn undKomplimente. Woher dies alles? weil der äußereZuschnitt des griechischen Theaters uns fremd ist undbleiben wird, indem wir an seinem gottesdienstlichenoder republikanischen Ehor durchaus keinen Antheilhaben. Alle Begebenheiten der Bühne sind uns Be-gebenheiten der Welt; unser Gesichtskreis isterweitert, unsere Theilnchmung zwar gewiß nicht ur-theilvollcr, feiner, tiefer, als sie es bey den bestenGriechen gewesen seyn mochte, aber bedingungsloserund gleichsam unumschränkter. Daher die Form deralten spanischen und englischen Stücke; daher auchdie Form dieses indischen Drama.
Hat Aristoteles diese Form nicht gekannt? istsie etwa, wofür man sie oft hat ausgeben wollen,eine neuere Erfindung? Er kannte sie wohl; steuertaber, wie er kann, dagegen, und sucht das Dramaseiner Nation in den Kunst sch ranken zweyeru»vermischten Gattungen, des Trauer- undLustspiels zu erhalten. „Nach den Regeln der Kunst,„sagt er, sind Trauerspiele, worin das Glück in Un-„glück verwandelt wird, die schönsten. Die Fabeln„von einer doppelten Zusammensetzung, die sich durch
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