256 VI. Ucber ein morgenländisches Drama.
dieselbe nur angenehmer, indem hinter seinem ge-heimnißreichen Schleper der Verstand gleichsam ver-stohlen und desto frei-williger sich selbst belehret. Fra-gen Sie sich, ob nicht, als Sakontala höchst un-schuldig »ach der Weise Gandarwa des Königs Ver-mahlte ward, Sie sich selbst fürchtend gesagt haben:„Blume der Unschuld, das solltest Du nicht thun!„Du solltest deinen Vater Kanna erwarten." Oderwenn Sie, zutrauensvoll wie Sakontala, damalsnoch nicht fürchteten, ob Ihnen nicht wenigstens inder entsetzlichen Scene, da der König sie ganz undgar verkennet, mithin sie und daS Kind unter ihremHerzen aufs höchste kranket, da sie, eine Königin,die rechtmäßige Gemahlin Duschmanta's, von ihremRinge, von jedem andern Beweise, von Götternund Menschen verlassen, in der niedrigsten Gestaltda sieht, ob Ihnen nicht, damals wenigstens, dieLehre fürchterlich ins Ohr geklungen habe: „Trauekeinem verliebten Könige, wäre es auch ein edlerDuschmanta; unter dem Zauberstaube der Zeit undder Entfernung, unter Ehören lobpreisender Sänger,und im Taumelkreise des Hofes verlieren sie ihr Ee-dächtniß."
Gewiß müssen Sie cs auch gefühlt haben, wieeben das Wunderbare der vorausgesetzten Verblen-dung die stärkste Wirkung des tragischenSchreckens und Mitleidens hcrvortrcibl, in-dem der verblendende König aus Unwissenheit, ja inder Mcynung, daß er auf seinem heiligen Sitz sehrrein und edel handle, da er sich auch keinen Blickauf die Sakontala erlaubet, ein Verbrechen begeht,das er nachher so schwer büßen muß, ja ohne Zwi-schen-