252 VI. Uebcr ein morgenländisches Drama.
also die magische Decke der Vergessenheit über denKönig fallen, und legt vom Anfänge des Stücksalles darauf an, um uns in diese Reihe von Be-gebenheiten einer höheren Ordnung einzu-führcn. Nicht nur sind Geister allenthalben mit imSpiele; sondern che der König in den Wald tritt,ist Kanna schon abwesend, um ein über seiner Pfle-getochter Sakontala Hangendes böses Schicksal vonihr zu entfernen. Sein Wunsch wird ihm durch diefeycrliche Verkündigung gewahrt, daß aus ihremSchoos ein Götterkind, ein Beherrscher Indiens,entspringen werde; und nun ist ec über jedes zwi-schenliegende Hinderniß, wie ein höherer Geist hin-wegsehend , ruhig. Dem Ausspruch der Götter ge-mäß gibt er an Sakontala und ihren Begleiter Be-fehle; und läßt das Verhängnis walten. Der Griecheforderte eine in jedem Theil natürliche Entwicke-lung der Begebenheiten; der Indier legte cs von An-fang bis zu Ende auf einen heiligen, göttli-chen, wund c rb aren Zusammenhang derselben an,weshalb man, wenn man sein Werk nicht Dramain griechischem Verstände nennen will, man es eindramatisirtes Epos nennen müßte, eine hei-lige Götter- und Königs fabel in allenReiz der Vorstellung gekleidet.
Auf welcher Seite die schärfere Vernunft sey,darüber ist wohl kein Zweifel; eben der schärfere Ge-brauch der Vernunft ists, der die Europäer über alleVölker der Welt, die im Reiche der Phantasie leben,so hoch erhoben, und sie so überlegen wirksam ge-macht bat. Der griechische Weise legt es auch beyder Poesie aufs Lernen an, und findet das Grund-