VI lieber ein morgcnländisches Drama. 25 l
wie es der Dichter will und es wahrscheinlich dieIndier glaubten: so hat Duschmanta eben so vielAnrecht an unser Mitleid als Sakontala selbst; undder Dichter hat gewiß nichts ver-auml, ihm dieseszu erwerben. Aeußerst hat er den König geschont' und geehret; das Versprechen, Sakontala abzuholcn,ist nicht vor unsern Lugen gesch.hcn, und ehe sieankommt, erblicken wir ihn unter den edelsten Be-schäftigungen seines königlichen Amtes. Sic stehtvor ihm ; er kennet sie nicht: durch Macht des Schick-sals ist Wald und Alles aus seinem Gedächtnisseverschwunden; alle seine Mühe, eine Spur davon inseiner Seele anfzusinden, ist vergeblich. Selbst dadie Götter sie weggerückt haben, schreibt ers der Zau-beren zu. Aber der Ring wird gefunden; auf ein-mal fallt der Nebel von seiner Seele, und er ist imentsetzlichsten Zustande. Kein Vergnügen, selbst keineseiner edeln Königsverrichtungen, die Götter alleinkönnen ihn daraus reißen. Der Dichter rechnete dar-auf, daß wir dies alles, wie er eS uns vorstellt,glauben sollten ; Aristoteles aber rechnete darauf nicht.Er will, daß auf der Bühne alles natürlich gesche-hen , und sich in einem fortgchenden Faden ans dermenschlichen Seele selbst entwickeln sollte. Die Ma-schinen des Wunderbaren erlaubt er nur ausser-halb der Handlung; ein Theil von dieser müßtensie nie werden: denn in ihr müsse jede Begebenheitaus der andern natürlich folgen. So dachte Aristo-teles ; der indische Dichter konnte nicht so denken,oder sein Held war abscheulich; selbst Sakontalakonnte sodann, auch nach allen ausgcstandenen Qua-len der Irene, ihm zwar vergeben, nie aber ihn mehrmit ihrer ersten Liebe lieben. Weislich läßt Kalidas