Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 9 (1821) Blumenlese aus morgenländlichen Dichtern
Entstehung
Seite
249
Einzelbild herunterladen
 

VI, lieber ein morgcnländischcs Drama. 2q9

Erzählung, sondern vermittelst desMitleids und der Furcht, d ie sie und der-gleic h.e n Leidenschaften reinigt.

Also die Nachahmung einer Hand-lung. Diese nennet Aristoteles die Fabel, d. i.eine Verknüpfung dcr Begebenheiten des Drama,vergleicht sie mit der Zeichnung in den bildendenKünsten, und giebt ihr in dcr dramatischen Kunstmir allem Rccht die oberste Stelle. Er will, daßdiese Handlung ernsthaft, sodann volIsta » di gsey, d. i. Anfang, Mittel und Ende, zugleich aucheine Große habe, welches letzte Ersordcrniß er aber-mals mit vieler Vernunft erkläret. Ucker alles diesist Key dcr Sakontala kein Streit: in ihr ist Hand-lung , d. i. Verknüpfung der Begebenheiten zu Ei-nem Endzweck vom Anfänge bis zu Ende. DieHandlung ist ernsthaft, vollständig, sie hat eine Gros-se; und da Aristoteles selbst sagt, daß diese sichnicht durch Regeln bestimmen laste, sondern nachder Aufmerksamkeit dcr Zuschauer eingerichtet werdenmüsse: so können wirs dem Dichter Kalidas Zu-trauen, daß er diese für feine Zuschauer werde ein-gerichtet haben. Denn überhaupt verändert sich bcydramatischen Stücken dies Maar der Größe nachUmstanden, Gegenden, Zeiten. Uns dünkt zu lang,was unfern Vorfahren nicht also dünkte: ein mittel-mäßiges französisches Trauerspiel dauert uns Deut-schen länger, als das längste Stück von Shakcspcar;oft wird uns in der Vorstellung lang, was uns imLesen sehr kurz ist, oft umgekehrter Weife. Kurz,cm dramatisches Stück sey ein Ganzes von Anfängebis zu Ende, belebt in allen seinen Theilcn undGliedern zu feinem dramatischen Endzweck; so hat