252 VI. Uebcr ein morgenlandischcs Drama.
entsprießen; auf einem niedrigem Boden konnten sienicht entwickelt werden. Dahin gehört der Anstanddes Königes im Haine sowohl als im Pallast, inder Liebe sowohl als in seinen Geschäften; dahin,die Zauberdecke, die auf seinen Fehl, die Vergessen-heit seines Versprechens gelegt wird; eine höhereMacht halt ihm die Sinne gefangen, ein Fluch hatihm, jedoch nur auf kurze Zeit, sein Gcdachtniß ge-raubet; und auch diesen Fehl büßet er eben so edelals schmerzlich. Dahin endlich gehört sein Erwachenaus einer Traurigkeit, die zu nichts führet, seineFahrt auf dem Wagen des Donnergottes, seine Be-lohnung — das Wiedersinden der Sakontala undseines heldcnmüthigen Knaben. — Auf der andernSeite, Sakontala, das Kind der Natur, aufgeblühtim reinsten Aether, einem Schutz- und Erziehungs-ort der Frauen. Wald und Blumen, die geheiligteEinsamkeit sind das umzaunte Paradies, worin dieseunbekannte Hochgeborne, als eine Blume, verborge»und ungestört sich entfaltete, ihre unschuldige Seelegebildet und gepflegt von der Hand der Weisheitihres Pflegevaters; und für wen? für den edel-sten Mann; Er, der hochverehrte, angcbctete König— Sie, die von der ganzen Natur gefeyerte weib-liche Unschuld und Liebe.
Ich zweifle, ob menschlich zartere und zugleichvornehmere Ideen unsres Erdenweltalls können ge-dacht werden, als diese königliche Würde, diese Na-tur und Liebe, Indiens Heiligthümer. Das Epischein ihnen ist unübertrefflich.