II. Antiquarische Aufsätze. ^ 2l>3
Bildsäule bleibt immer nackt sieben, aber die schoneDanae von Titian muß weiblich ein Vvrbangchendecken: es ist die Aaubertafel für einen verdorbenenSinn, der, verlockt, gar keine Granzcn kennet.
Auch hieraus crgiebt sich, warum die Neuenden Alten in schöner Form weiter nachbleiben, alsim schönen Anschein. Schöner Anschein kannmanches werden, was gerade nicht schöne Form unddie tiefgesüblte, treue, nackte Wahrheit ist: zu die-ser zu gelangen sind unstreitig jetzo viel wenigerMittel als voraus. Winkelmann hats unver-besserlich gesagt, was unter dem schönen griechischenHimmel, in ihrer Frei - und Fröhlichkeit von Ju-gend auf, bei ihren unverhülleten Tänzen, Kampf-und Wettspielen das Auge des Künstlers gewann.Nur die Formen können wir treu, ganz, wahr, le-bendig geben, die sich uns also mittheilen, die durchden lebendigen Sinn in uns leben. Es ist be-kannt, daß einige der größten neuern Mahler nurimmer ihre geliebte Tochter, oder ihr Weib schilder-ten, unstreitig, weil sie nichts anders in Seele undSinnen besaßen. Raphael war reich an lebendigenGestalten, weil seine Neigung, sein warmes Herzihn hinriß und alle diese, erfühlt und genossen, seineigen waren. Er gerieth dabei auf Abwege, endetesich sein unersetzliches Leben — und manche Trödel-köpfe können cs gar nicht begreifen, wie der himm-lische Raphael irdische Mädchen geliebt habe? bekamer von ihnen nicht seine Umrisse, seine warmen le-bendigen Formen; vom Himmel und kalten Statuenallein würde er sie nicht bekommen haben. Unddoch war Raphael noch kein Praxiteles, kein Lispppus,