II. Antiguarischc Aufsatz-'. 26,
Es sind also ungemein feine Köpfe, die derMahlerey die nackten Flcifchmasscn und wohl gardie nassen Gewänder anrakhen, weil sie damit ihreraltern lieben Schwester, Bildhauerkunst, naher kom-me, und wohl gar antikisch würde. Nackt undsteif und häßlich kann sie freilich damit werden, ohneein Gutes zu erbeuten, was ihre altere Schwestermit Nacktheit und Nasse erreichet. Das Bedürfnißeiner fremden Kunst zum Wesen der Seinigen zumachen und darüber die Vortheile der Seinigen ver-lieren — so etwas kommt meistens aus dem liebenModeln und Vergleichen. Jüngste Gerichte vollFleisch, wie Heu; und Dianenbäder wie Fleisch-markte! Nichts ist lächerlicher, als Statuen aufsBret zu kleben, und da Kleider gar zu netzen,wo alles blühn und duften soll.
„Aber die alten großen Mahler ahmten doch„Bildsäulen nach: von Raphael hat man ja so
„manche Mährchcn, daß er" — das ahmten sieaber nicht nach, was nicht aufs Bret gehört, ohnedaß es dadurch dreimal Bret wurde. Eben jenealte große Mahler, welch großes Gefühl hatten sievom Wurf der Kleider! wie eben hier die Mah-lcrey in ihrem Zauberlande des schönen Truges, inder Wcrkstatte ihrer Allmacht mit Licht und Farbesev. Daß dieses Kleid rausche und jenes dufte undschwebe; daß man hier in die Falten des Gewandesgreift und glaubt, da es doch nur Flache ist, so tiefzu greifen: daß diese Farbe, dieser Grund jene Fi-guren so himmlisch mache, so höhe und h.be; jenerWurf, jener Wechstl dem Ganzen Lieblichkeit, An-muth, Mannigfaltigkeit gewähre — was ,ch hier so