II. Antiquarische Aufsätze. 2g i.
denn wer wird nach einem Büde auf einer Flachefassen? — Weil nun aber unser Gesicht und Ge-fühl, als Schwestern, zusammen erzoaen wurden,und von Jugend auf Eine der andern die Arbeittragen half oder sie gar allein übernahm: so geschä-
he es auch hier, und Schwester verfehlte die Schwe-ster. Sie hatten sich sonst auf der Erde versucht;nun ist der Fall im Wasser, einem andern Elementder Strahlenbrechung, wo sie sich nicht gegen einan-der geübt hatten. Ein Wassermann würds bessergetroffen haben.
Abermals ein Beispiel der vorigen Geschichte.„Cheseldens Blinder sah am Gcmahlde nur ein Far-„benbret; da sich die Figuren lostrennten und er sie„erkannte, griff er darnach als nach Körpern." Esscheint sonderbar, ist aber sehr natürlich, und derFall geschieht öfters. Ein Kind, ein rohes Augesieht am Gemahlde das Farbenbret öfter,. als mandenket: cs kann sich, so lange die Figur ihm amBret klebt, jenen Schatten, diesen Streif nichterklären; es gaffet. Nun aber fangen die Figurenan, sich zu beleben; ists nicht, als ob sie hervor-gingen und würden Gestalten? Man sichtsie ge ge n w ä rti g, man greift um sie, derTraum wird Wahrheit. Die höchste Liebe undEntzückung macht also gerade das, was dort dieUnwissenbeit that, und eben das ist der Triumphdes Mahlers! Durch seinen Zaubertrug sollte Ge-sicht Gefühl werden, so wie bei ihm das GefühlGesicht ward.
Herders Werke Lit. u. Kunst. XI.
D. Köm, Kik.