Druckschrift 
Zur schönen Literatur und Kunst Theil 11 (1821) Römische Literatur. Antiquarische Aufsätze
Entstehung
Seite
227
Einzelbild herunterladen
 

II. Antiquarische Aufsätze. 227

Stufe des Leidens, das Abmatten einer schmerzhaf-tcn, aber würdigen Todesangst, welches sich endlichin einer rübrenden Unempfindlichkeit verlieret. Inihrem betrübten aber hohen Gesicht sind die Leidenaller ihrer Kinder versammlet. Ihre reine Schön-heit, von keiner als der jungfräulichen Göttin, dieüber sie zürnt, übcrtroffen, erregt ein von Ehrfurchtbesiegtes Mitleid. Ergebung in das Verhängnißder Unsterblichen, deren Majestät sie beleidigt hatte,blickt zwar aus ihren gen Himmel empor gerichtetenAugen; aber ihre Hoheit rechtet, auch wider ihrenWillen, mit den erzürnten Olympiern. Der wür-dige Schmerz der Mutter ist auch in ihre Kinderübcrgegangen; die verschiednen Wirkungen derselbenUrsache hat der Künstler auf Schönheiten vcrschied-nen Alters in der höchsten Vollkommenheit ausge-drückt. Eine der ältesten Töchter scheint wenigerempfindlich, aber denkender. Ihr lodtcc Bruder derneben ihr verwundet liegt, scheint sie mehr als ihreeigne Gefahr zu beschäftigen. Bei einem gemeinenKünstler hätte die jüngste Tochter sich ganz in denSchooß der Mutter verhüllt, oder die Mutter hatte

Niobe, die sich über Latona gestellt Und rüh-mend gesagt hatte: sie hat nur zwei, ich habezwölf Kinder geboren." Neun Tage lagen dieGetödteren da, am zehnten Tage begruben siedie himmlischen Götter. Niobe stand zuletztunter Klippen im öde» Gebirge ein Fels da, ^»ährend noch immer den Gram, den ihr dieGötter aufgelegt hatten. Ilias 12 602,

P 2