i8o I. Zur römischen Literatur.
Wenn von der Beurtheilung neuerer Werke dieRede war, foderte man ein Gleiches. Die Vorbil-der, Aristoteles, Longiu, Cicero, Horaz,Quintilian, mehrere Schoiiastcn, Grammatikerund andrer Beurtheiler eigner oder fremder Schrif-ten standen da, wurden studirt und mit einer ArtVerehrung, wo nicht mit Nacheiferungbetrachtet. Eben so waren vorhergegangne Kritikermit Vorzügen und Fehlern dem Nachfolger im Auge;man sah und prüfte.
In Frankreich und England (in Italien hattemans langst gethan) befliß man sich, die Mutter-sprache rein zu sprechen und zu schreiben, die'be-sten Schriftsteller in derselben neu herauszugeben undzu erläutern. Die Regeln der Kritik, die man inHoraz, Quintilian und Vida für die -Poesiefand, suchte man, wo nicht zu übertrcffen, so dochseiner Zeit und Sprache anzueignen, wie B oileau'sPoetik, Pope's Lssa^ c>m Lriticioim', SwiftsAntilongin, beider und Arbuthucths Scrib leru'sund so viel esndre gründliche und witzige Kritiken zei-gen. Fast jede gebildete Nation Europa's hatte an-erkannte Kritiker, gute Journale. Man ehrtedie Stimme der Männer; diese achteten das Publi-kum , zu dem sie sprachen, so wie ihren eignen Rufund den Schatten der Vorwelt.
Am Ende des verflossenen Jahrhunderts solltecs anders werden. Von der neuen kritischenPhilosophie hatte die ganze Vorwelt nichts gewußt;dies setzte man, unbekümmert über das, was Deroder Jener Aeltere denn etwa auch gewußt, gesagtoder gemeynct habe. Vielmehr setzte die neue Kritik,