92
I. Zur römischen Literatur.
Sechster Brief.
Guter Wille verdient immer Lob, und wenner mit Mübvollen Bestrebungen verknüpft ist, Ach-tung. So die vielen Uebcrf.tzungen des Horaz oderaus Hora; in unsre Sprache, der, wie schon bemerktworden, an Fähigkeit hiezu keine Europäische glcich-kommt. In der Jtalianischcn, Spanischen, Franzö-sischen , Englischen muß sich der Römische Dichtergewohnten Sylbcnmaaßen, die ihm fremd und wi-drig sind, bequemen; sein Rhythmus, seineStrophe, sein lyrischer Tanz, mithin die ganzeEomposition, auf die er cs anlegte, verschwindet.Unsre Sprache, ihre Schwestern mit eingerechnet;(die Slavischen Sprachen kenne ich nicht) sie ist esallein, in der Horaz, Virgil, Homer undPindar gleichsam mit eigner Stimme vernehmbar,die Physiognomie ihrer Eomposition und Seele zei-gen. Dies eben und das Gefühl hierüber unter-scheidet unsre Literatur von jeder andern; es machtuns in Ansehung der Kunde des Alterthums sowohlals fremder Sprachen zu einer einzigen Nati-on in Europa.
Wenn nun aber die meisten Uebersetzungen Ho-raz, die seinem Wort- und Sylbenbau nacheifern,in Stellen schwerfällig und hart sind; so ist auchdies in der Ordnung. Zwanglose Leichtigkeitist die erste Eigenschaft der Grazie; Harmoniein der Bewegung die zweite; endlich das Un-nennbare (das Ions scnis c^uoi) der Anmuthmeistens verknüpft mit hoher Einfalt ist daS