78 I. Zur römischen Literatur.
wilde Thierhcit erhoben; Jungfrauen sind unsreMusen, — Dirnen werden als Dirnen geachtet.
Ich habe diese Elasse der Oden zum Beispielgewählt, weil ich an ihnen den meisten Mißbrauchbemerkte; jede andre spricht für sich selbst. Wer«in Gemählde ansiehet, ohne zu fragen: „was stel-lets vor? woher ging der Künstler aus ? wohin wollt'er? wie ordnete und band er Gestalten, Lichter,Farben? Welches ist der Sinn, der Eindruck desGanzen?" Der betrachtet cs unverständig; so auchwer die lyrifcben Gemählde verstandlos an-sieht, dagegen ästhetisch an den Spänen ihres Hol-zes schnitzelt und kauet. Oäi prokanurn. vuIZuret srcko; hasse auch Du es, Jüngling.
Dritter Brief.
Der angenehmste Gesellschafter ist ein naiver,schlichter Mann, ohne hohe Ansprüche einer drücken-den Größe, der das Leben liebt und dessen Gebrauchkennet, übrigens gefällig, jeder Hora beguem, unddabei golden von Gcmüth, vest wie ein Anker. Umeinen solchen vertauschen wir gern das größeste Ge-nie, den lustigsten Witzling, den tiefsten Denker —Ein solcher ist Horaz; er lehrt und übt die wah-re PH i losop h ie, den Genuß und Gebrauchdes Lebens auf die lieblichste Weise; er singetsie uns ein. Daher daß ec zu allen Zeiten so viele